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Das neue „Wikipedia“


31.10.2006 (A. Bünnig) Kategorie: Computer

Bild: www.philoneist.com

Vor fünf Jahren hatten Jimmy Wales und Larry Sanger eine Idee: Wissen sollte frei sein. Mit diesem Vorsatz im Hinterkopf machten sie sich an die Verwirklichung und schufen die freie Online-Enzyklopädie „Wikipedia“. Jetzt stellte Larry Sanger auf der Konferenz „Wizards of OS“ in Berlin ein neues Projekt vor: „Citizendium“.

Wikipedia ist ein echtes Erfolgsprojekt. 2001 wurde die Seite online gestellt und die beiden Gründer wollten, dass sich jeder Internetuser daran beteiligen kann, in der Hoffnung, dass aus dieser einfachen Webseite mal eine echte Enzyklopädie würde. Diese Illusion ist schon fast wahr: Wikipedia gehört zu den 20 meist aufgerufen Webseiten im Internet und die unzähligen Freiwilligen haben bereits mehr als fünf Millionen Artikel in 100 Sprachen verfasst.

Doch für Larry Sanger ist dieser Erfolg nicht genug, denn die Wikipedia ist für ihn nur ein erster Versuch, eine Art Prototyp, den es zu verbessern gilt. Sein Hauptkritikpunkt ist die Amateurhaftigkeit des Projekts. Für Expertenwissen ist dort kein Platz und als erster Chefredakteur der Seite weiß er, wovon er spricht.

Seit einiger Zeit werden die Inhalte und besonders die Qualität der Wikipedia-Artikel stark kritisiert. Zwar hat das Wissenschaftsmagazin „Nature“ Ende letzten Jahres herausgefunden, dass die Online-Enzyklopädie nur wenig schlechter als die altehrwürdige „Encyclopaedia Britannica“ abschnitt, doch klagt Jimmy Wales immer öfter über die Qualität der Artikel. Der Grund dafür sind mehrere Pannen und je größer die Gemeinde wird, desto mehr häufen sich diese.

So hat ein Spaßvogel dem angesehenen US-Journalisten John Seigenthaler eine Verwicklung in die Ermordung John F. Kennedys angedichtet oder ein US-Komiker hat seine Zuschauer aufgefordert, Wikipedia-Artikel zu verändern. Diese bekannten Schwachstellen (Manipulations- und Sabotagemöglichkeiten), will Larry Sanger mit „Citizendium“ umgehen.

Vor allem ein Punkt wird entschieden anders gehandhabt werden und das ist die anonyme Mitarbeit. Jeder, der an der neuen Enzyklopädie mitschreiben will, muss sich mit seinem realen Namen anmelden. Außerdem will Sanger Experten und „Aufpasser“ einbinden, die die Artikel kontrollieren, bzw. dafür sorgen, dass die „Spielregeln“ eingehalten werden. Diese sollen allerdings kaum Befugnisse bekommen, damit es eine weitgehend hierarchiefreie Community bleibt.

Durch die Einbindung von Experten verspricht er sich, dass diese Fragen verbindlich klären können, während manche Diskussionen und Streitigkeiten in der Wikipedia manchmal über Jahre geführt werden. Trotzdem will er aber auch das „Schreiben für Jedermann“ nicht abschaffen. Die Kontrolle soll jedoch stärker sein, so dass die Wiki-Fehler umschifft werden können.

„Citizendium“ soll viele Gemeinsamkeiten mit dem Vorbild haben. So wird die gleiche Software benutzt, die Seite soll kostenlos und frei von Werbung sein. Auch soll der Inhalt unter GNU-Lizenzen stehen. Diese verlangen, dass „geistiges Eigentum“ von allen und jedem genutzt werden kann, so lange er oder sie dies weiterhin frei zur Verfügung stellt. So kann Larry Sanger also Wikipedia-Artikel in sein System einbauen. Aber die Wikipedianer können dann die (möglicherweise) verbesserten Artikel auch übernehmen.

Vielleicht schafft es der Wikipedia-Gründer mit „Citizendium“ tatsächlich, die bekannten Fehler zu beseitigen, indem er die Zwangsregistrierung und die „Aufpasser“ einführt. Aber möglicherweise wird das neue Projekt mit steigender Bekanntheit auch Opfer des Artikel-Vandalismus wie der berühmte Vorgänger, denn wenn man schon Unsinn macht, soll es schließlich auch auffallen.

Entstehen wird die neue Enzyklopädie unter der Adresse www.citizendium.org. Zurzeit befindet sie sich jedoch noch im Aufbau, so dass die Webseite bislang nur grundlegende Informationen über das Projekt bereitstellt.



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