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Jugend 2006 - Eine pragmatische Generation unter Druck


06.11.2006 (A. Bünnig) Kategorie: Wissenschaft

Bild: www.melsungen-foerdert.de

Oft wird das Bild vermittelt, dass es einen Konflikt zwischen den Generationen gibt. Vor allem Jugendliche und Senioren sollen demnach Schwierigkeiten mit der Kommunikation haben. Jugendliche seien zu faul, laut und frech. Endlos ließe sich dies weiterführen. Senioren dagegen verstünden keinen Spaß, seien spießig und hätten vergessen, dass sie selber auch mal jung waren. Aber scheinbar wird mit diesen Stereotypen ein falsches Bild vermittelt. Denn die „Jugend 2006“ hat großen Respekt vor der älteren Generation, das hat die 15. Shell-Jugendstudie herausgefunden.

Anfang des Jahres wurden etwa 2.500 junge Menschen im Alter von 12 bis 25 Jahren zu ihrer Lebenssituation, ihren Glaubens- und Wertvorstellungen und ihrer Einstellung zu Politik befragt. Erstmals widmete sich das Team um die beiden Bielefelder Sozialwissenschaftler Professor Dr. Klaus Hurrelmann und Professor Dr. Mathias Albert dem Themen-Schwerpunkt „Jung und Alt“. Dabei interessierte vor allem die Frage: „Wie sieht sich die junge Generation mit all ihren Erwartungen an die eigene Zukunft in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft?“ Bereits seit 1953 beauftragt Shell Forscherteams um Jugendstudien zu erstellen, die eine aktuelle Sicht auf die Jugendgeneration und ihre Zukunftssichten ermöglichen sollen.

2002 wurde noch ein großer persönlicher Optimismus festgestellt. Dieser hat jedoch einer etwas düsteren Sicht Platz gemacht. Durch die veränderten Bedingungen – vor allem auf dem Arbeitsmarkt – ist die pragmatische Generation ist unter Druck geraten. Trotzdem gibt es keinen Hinweis, dass Jugendliche resignieren und sich in Ersatzwelten flüchten. Nach wie vor heißt die Devise „Aufstieg statt Ausstieg“ und für diesen bleibt der Schulabschluss der Schlüssel zum Erfolg.

Besonders Schüler auf der Hauptschule erleben die Zukunft insgesamt düsterer als ihre Altersgenossen vom Gymnasium. Meist hängt der Besuch der Schulform auch von der sozialen Lage ab. So besuchen Kinder aus einkommensschwachen Familien meist Schulformen, die eigentlich ihrem Potential nicht entsprechen und auch in der Ausbildung bleiben sie hinter ihren Möglichkeiten zurück. Kinder aus sozial besser gestellten Elternhäusern dagegen besuchen meist das Gymnasium und sehen die nächsten Jahre in einem besseren Licht.

Vor allem die kritische Situation am Arbeitsmarkt lässt die junge Generation nicht kalt. Viele fürchten ihren Job zu verlieren oder gar nicht erst einen zu bekommen. Vor vier Jahren sahen sie die Aussichten meist noch positiver. Trotzdem geben sie nicht auf, sondern versuchen, individuelle Lösungsansätze zu finden. Bemerkenswert ist hier der geschlechtsspezifische Trend, denn Mädchen befinden sich weiterhin auf der Überholspur. 55 % der befragten Schülerinnen streben das Abitur an. Bei ihren männlichen Mitschülern sind es hingegen „nur“ 47 %.

Außerdem bekommt die Familie in diesen Zeiten der wirtschaftlichen Unsicherheit wieder eine stärkere Bedeutung, denn sie bietet Sicherheit, sozialen Rückhalt und emotionale Unterstützung. 72 % geben an, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Diese Rückbesinnung auf traditionelle Werte lässt sich auch in anderen Bereichen beobachten. So sind Sekundärtugenden wie Ordnung und Fleiß wieder hoch im Kurs.

Insgesamt ist das Wertesystem der Jugendlichen positiv und stabil ausgerichtet, denn es umfasst Familie, Freundschaft, Partnerschaft, aber auch Eigenverantwortung und das Streben nach persönlicher Unabhängigkeit. Sie sehen Kreativität, Sicherheit und Ordnung als wichtig an, aber auch Arbeitseifer und Ehrgeiz. Sie vermischen also moderne und traditionelle Werte in ihrem Pragmatismus.

Der Schwerpunkt der Studie befasst sich mit der Generationenfrage. Die Jugendlichen geben an, der älteren Generation großen Respekt entgegen zu bringen. Zum einen gibt es die „Hochbetagten“, die das Image der „Aufbaugeneration“ genießen, denn sie hätten die Bundesrepublik zu dem gemacht, was sie heute sei. Zum anderen gibt es die „Jungen Alten“, die fit, aktiv und offen für Neues sind. Das nehmen die Befragten erstmal positiv wahr. Zu Problemen kommt es aber, wenn sie zur direkten Konkurrenz werden – etwa bezüglich Seminarplätzen an der Universität. Trotzdem vertreten die Jugendlichen den Wunsch nach Fairness und Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Ob dieser grundlegende Respekt auch bei den Älteren so ankommt, muss allerdings eine andere Studie beantworten.

Die 15. Shell-Jugendstudie beschäftigte sich jedoch auch mit der Frage nach der religiösen Orientierung. Im letzten Jahr waren Jugendliche im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, als in Köln der Weltjugendtag gefeiert wurde und als Papst Johannes Paul II. verstarb. Mitunter wurde von einer „Renaissance der Religion“ gesprochen, doch das können die Forscher nicht bestätigen, denn nur 30 % der Probanden glauben an einen persönlichen Gott. Obwohl sie die Kirche grundsätzlich bejahen, äußern sie auch eine vehemente Kritik, denn sie glauben nicht, dass diese Antworten auf Fragen hat, die Jugendliche heute wirklich bewegt.

Als letzten Themenkomplex fragten die Interviewer nach dem Politik-Interesse. Dabei stellte sich heraus, dass nur 39 % der Jugendlichen sich überhaupt für Politik interessieren. Sie empfinden die Parteien und die Bundesregierung nicht als Größe, an der man sich orientieren sollte. Allerdings erteilen sie auch dem politischen Extremismus eine klare Absage, denn sie positionieren sich links von der Mitte. Sie halten die Demokratie, ebenso wie ihre grundlegenden Rechte wie Meinungsfreiheit und freie Wahlen, für eine gute Staatsform.

Zusammenfassend hat die Studie gezeigt, dass die „Jugend 2006“ um die Schwierigkeiten weiß, die momentan existieren – sei es auf dem Arbeitsmarkt oder in der Politik. Trotzdem sie ihre eigenen Perspektiven düsterer sieht als noch vor vier Jahren, versucht die Jugend doch, das Beste aus der eigenen Situation zu machen und sich nicht unterkriegen zu lassen.



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