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Hoffnungslosigkeit als Dauerzustand


09.11.2006 (A. Bünnig) Kategorie: Politik

Bild: www.readers-edition.de

Armut ist nicht immer nur materiell, wir können auch auf andere Art und Weise von ihr betroffen sein. Eine neue Form macht momentan in der deutschen Medienlandschaft die Runde. Das lang verpönte Wort „Unterschicht“ wurde wieder ausgemottet und eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) brachte den Stein ins Rollen.

Die lange totgeschwiegene Unterschicht existiert scheinbar doch wieder, zumindest wenn dem SPD-Vorsitzenden Kurt Beck Glauben geschenkt werden darf. Ganz so wie zu Marx-Zeiten kann sie aber nicht mehr definiert werden, denn neben dem Fehlen an finanziellen Mitteln, zeichnet sie eine tiefsitzende Hoffnungslosigkeit aus. Sie habe keinerlei Hoffnung mehr, den Aufstieg zu schaffen und finde sich mit ihrer Situation ab.

Frank Karl hat für die FES die Studie mit dem Titel „Gesellschaft im Reformprozess“ erstellt. Grundlegende Gesellschaftskritik zu üben, war gar nicht sein Anliegen, doch die Ergebnisse sind so alarmierend, dass die Politik hellhörig wurde. Die Forscher befragten über 3.000 Personen und versuchten anhand der gemachten Angaben, Gruppen zu unterscheiden. Das Einkommen war nur einer der Faktoren, nach denen entschieden wurde, zusätzlich zu Einstellungen, Werten, Bildung und Interesse an politischen Prozessen.

Statt Unterschicht wird das Wort „Prekariat“ benutzt. Dazu gehören Menschen, deren sämtliche Lebensumstände unbefriedigend sind: arbeitslos, schlechte formale Bildung, eventuell allein erziehend oder chronisch krank, mit schlechten Zukunftsaussichten. Etwa acht Prozent der Bevölkerung sind „abgehängt“. Diese Menschen befinden sich am Rande der Gesellschaft und haben jeden Lebensmut sowie jede Lebenslust verloren. Sie haben sich mit in ihrer vereinsamten Situation abgefunden und kommen dort nicht mehr raus. Sie fühlen sich von der Gesellschaft und dem Staat im Stich gelassen.

Der Soziologe Heinz Bude hat in seinem Aufsatz „Soziale Exklusion und Exklusionsempfinden“ noch etwas anderes herausgefunden. Nach seiner Ansicht muss dieses Ausgeschlossensein und am Rande der Gesellschaft zu stehen, ganz und gar nicht mit der tatsächlichen materiellen Lage korrespondieren. Entscheidend sind das Vertrauen in Institutionen, in helfende soziale Beziehungen und das Vertrauen in einen selbst. Besonders in Ostdeutschland herrscht hieran jedoch Mangel weswegen sich besonders viele Menschen in den neuen Bundesländern allein gelassen fühlen.

Die finanzielle Lage ist allerdings auch nicht das Schlimmste an der Situation. Vor allem die Einstellung ist es, welche die Bundesbürger zu Sklaven ihrer Hoffnungslosigkeit werden lässt – und mit ihnen, ganze Familien. Früher wollten Eltern, dass es ihren Kindern einmal besser gehe, aber mittlerweile gäbe es solch eine strikte Resignation, dass die Menschen nicht einmal mehr glauben, dass es der nachfolgenden Generation je anders ergehen könnte.

Eine Forderung der Politik ist es daher, hier anzusetzen. Kindergärten müssen Sprachfähigkeit und Leistungswillen fördern, damit Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern die Chance hätten, aufzusteigen. Aber das ist eben nicht genug. Sie brauchen auch den Willen dazu, denn sonst entwickeln die Sprösslinge sich nur wie ihre Eltern es die letzten 20 Jahre getan haben, während Deutschland nicht hingeschaut hat.



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