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Kartoffel und Ambrosia - Nutzen und Schwierigkeiten rund um Neophyten


29.11.2006 (L. Beilschmidt) Kategorie: Gesundheit

Bild: www.kuleuven-kortrijk.be

Ob unser Nachbar in seinem Vorgarten eine neue Pflanze hat, interessiert uns meist nur wenig. Wenn diese Pflanze allerdings allergische Reaktionen bei uns auslösen kann, richten sich auch die Augen und Ohren der breiten Öffentlichkeit auf sie.

So zeigten sich in diesem Spätsommer viele allergische Reaktionen von Personen, die normalerweise zu dieser Jahreszeit keine Beschwerden haben. „Ambrosia“ heißt der Übeltäter, der nicht nur am Straßenrand wächst, sondern sich auch in Gärten ansiedelt. Das beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) kommt aus Nordamerika und sei laut Experten bei uns auch durch den sich vollziehenden Klimawandel schon längst heimisch.

Besonders an den Stellen, an denen im Winter das Vogelhäuschen aufgestellt ist, wächst die Pflanze prächtig. Grund dafür ist, dass sich die Samen in verunreinigtem Vogelfutter wiederfinden. Kam Ambrosia früher nur selten bis zur Blüte, ist es inzwischen immer öfter der Fall, dass sich die Pflanze auch selbst weiter ausbreiten kann. Eine Kreuzallergie mit Beifuß kann dann schließlich das große Unheil für die Allergiker mit sich bringen, obwohl das Traubenkraut kein Beifußgewächs ist. Kreuzallergie bedeutet, dass Menschen, die eigentlich nur gegen Beifuß allergisch sind, dann auch allergische Reaktionen gegen das beifußblättrige Traubenkraut zeigen können.

Es handelt sich um einen Neophyt. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „neue Pflanze“. Es handelt sich also um Pflanzen eines anderen Ökosystems, die in das heimische Ökosystem eingeführt worden sind.

Diese Pflanzen finden auf unterschiedlichste Weise in neue Gebiete. So können sie beispielsweise als Nutzpflanzen eingeführt werden. Die Tomate und die Kartoffel sind zwei der bekanntesten Vertreter. Aufgrund besonderer Schönheit oder Resistenz gegen bestimmte Umweltfaktoren überzeugen ihre Eigenschaften nicht nur in der Land- und Forstwirtschaft. Der Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) zum Beispiel wurde zur Zierde eingeführt. Hautkontakt mit diesem Gewächs kann nicht nur zu jucken und brennen führen, sondern auch zu Kreislaufproblemen. Problematisch wird dies besonders, wenn er angrenzend an Kinderspielplätze wächst, weil die Gefahr des – wenn auch unbeabsichtigten – Hautkontaktes sehr groß ist.

Die beabsichtigt eingeführten Pflanzen machen ungefähr die Hälfte der hiesigen Neophyten aus. Die andere Hälfte wurde unbeabsichtigt eingeschleppt. Als Begleitgut an oder in Verkehrsmitteln können Pflanzen in Samenform sehr weit verbreitet werden.

Die meisten Pflanzen haben jedoch in einem neuen Ökosystem keine Chance. Andere Klimaansprüche und Nähstoffbedingungen im Boden lassen der heimischen Konkurrenz die Oberhand. Frost oder nährstoffarme Böden sind nur Beispiele hierfür. Einige können sich aber sporadisch dem neuen Lebensraum anpassen und wenige davon können sich ganz etablieren.

Nur ein kleiner Teil hiervon birgt dann auch ein Problempotential in sich. Hieraus wurde die sogenannte „Zehner-Regel“ entwickelt, die für wenig isolierte Ökosysteme gilt. Mitteleuropa und damit Deutschland kann als ein solches angesehen werden. Die Regel besagt, dass von 1.000 eingeschleppten Arten, sich 100 (10 %) sporadisch halten können; 10 können sich dauerhaft ansiedeln und „nur“ 1 wirft in dem neuen Ökosystem Probleme auf.

Es bringen also nicht alle Neophyten gleich ein Allergiepotential oder andere Gesundheitsrisiken mit sich. Der Einfluss auf das heimische Ökosystem kann aber enorm sein. Deshalb ist Vorsicht geboten. Einheimische Pflanzenarten können gefährdet oder gar völlig verdrängt werden. Ökosysteme können verändert werden und es kann wirtschaftlicher Schaden entstehen. Wenn der Neophyt besser an die Umweltbedingungen angepasst ist oder die natürlichen Feinde fehlen, treten „gesetzliche Strategien zur Erfassung, Vermeidung und Bekämpfung von „invasiven gebietsfremden Arten“ in Kraft. Diese werden von den Mitgliedern des Europarates derzeit erarbeitet.

Aus den genannten Gründen sollte sich deswegen jeder, der einmal von einer Reise heimlich eine Pflanze oder Samen mitgeführt hat, der möglichen Folgen bewusst sein und wissen, dass es strafbar ist. Allerdings ist unsere Natur und damit jedes noch so kleine Ökosystem ständigem Wandel unterworfen und der Mensch sollte nicht versuchen, krampfhaft Zustände zu erhalten, noch neue herzustellen. Viele Neobioten, einbürgerte Pflanzen und Tiere, leben ganz unbemerkt unter uns und richten auch keinen Schaden an.



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