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In der festlichen Halle unserer Schule, wo der Abschlussball stattfindet, entdecke ich meinen Ex Daniel sofort. Wie sehr ich ihn doch vermisse! Aber er hat fremdgeküsst, nicht ich.
Um ihn etwas eifersüchtig zu machen, hänge ich mich an Chris, den Jungen, der mich heute begleitet, und lege den Kopf an seine Schulter. Es ist gemein, dessen Verliebtheit auszunutzen, aber ich kann nicht immer Rücksicht nehmen.
Da Daniel und ich Schulsprecher sind, müssen wir den Eröffnungstanz aufführen. Ich atme tief durch, bevor ich selbstsicher in die Mitte des Saals trete. Ein schnelles Lied, bitte! Nichts Langsames, ich will nicht eng tanzen! Doch die höheren Mächte sind nicht auf meiner Seite und so kommt es, dass die engagierte Band ein ruhiges Lied spielt. Widerwillig lege ich meine eine Hand auf seine Schulter, die andere verschränkt sich mit seiner. Ich fühle, wie Daniel seine Hand an meine Taille legt und mich sanft zu führen beginnt.
„Du siehst toll aus, Schatz.“, flüstert er.
„Danke“, entgegne ich kühl, ignoriere absichtlich das letzte Wort.
„Und, Schatz, mit wem bist du hier?“, fragt er. Er findet Gefallen daran, mich zu provozieren. „Wenn du mich noch einmal Schatz nennst, wirst du für den Rest deines Lebens Essen durch einen Strohhalm aufsaugen!“
„Uh, Ashley, ich mag’s, wenn du mir drohst.“, wispert Daniel so verführerisch, wie nur er es konnte. So, dass es niemand sehen kann, presst er seinen Unterleib an meinen und lässt ihn kurz und kaum merklich lasziv kreisen.
Ich schnappe nach Luft. „Hast du zuviel getrunken oder bist du gegen eine Mauer gelaufen?“, frage ich erbost. Er kennt seine Wirkung auf mich und nutzt diese schamlos aus. Er zieht mich näher zu sich, um den letzten Abstand zwischen uns auszulöschen. Unbewusst lehne ich mich an ihn, kuschle mich fast an seine Brust.
„Ach Ashley, sei nicht so. Ich weiß, du liebst mich. Du hast mich sonst nie so kalt behandelt, wie du es gerade tust.“
„Tja, wie heißt es so schön? Idealismus ist die Fähigkeit, Menschen so zu sehen, wie sie sein könnten, wenn sie nicht so wären, wie sie sind. Ich hasse dich und daran wirst du nichts ändern.“
„Darauf kann ich nur Jaroslaw Osiak zitieren: Hass ist eine der ehrlichsten Emotionen. Der Hass täuscht nicht. Wenn er da ist, ist man von ihm überzeugt. Und an deinem „Hass“ habe ich Zweifel.“
Ich bin sprachlos. Nicht nur, dass Daniel Jaroslaw Osiak überhaupt aussprechen kann, nein, er zitiert auch noch etwas Tiefsinniges. In diesem Moment verliebe ich mich wieder in ihn. Doch ein bisschen soll er ruhig noch zappeln.
„Du beeindruckst mich“, äußere ich gelangweilt, „aber du brauchst es trotzdem nicht weiter bei mir zu versuchen. Es wird nichts mehr zwischen uns sein. Eine Beziehung mit dir ist unmöglich.“
„Nichts ist unmöglich.“, grinst er.
„Nein? Nicht einmal Gott kann zwei Berge erschaffen, ohne ein Tal dazwischen.“ Als das Lied endet, stoße ich ihn geradezu von mir und stürze mich in Chris’ Arme. Ich fühle mich grauenhaft, ihn zu benutzen, doch ich weiß weder ein noch aus. Chris zieht eine Grimasse. Ich glaube, er wird mit mir reden, wenn ich mich noch einmal seltsam verhalte.
Ich habe nicht die geringste Lust, mit Chris oder sonst wem zu tanzen. Angebote gäbe es genug. Ich setze mich an einen der Tische, um etwas zu essen. Kaum, dass ich sitze, lässt sich mein recht aufdringlicher Ex links neben mir nieder. Rechts von mir sitzt Chris.
Ich sehe Daniel stumm an, dann lasse ich in Gedanken meinen Kopf auf meinen Teller knallen, dass die Erbsen durch die Luft fliegen. „Warum?“, murmle ich verzweifelt. „Warum?“
Daniel grinst. „Darf ich dir Elaine vorstellen?“ Er winkt eine hübsche Französin zu sich. Kaum hat sie neben ihm Platz genommen, legt er besitzergreifend den Arm um sie. Und um dem „i“ sein Tüpfelchen zu verpassen, beugt er sich zu ihr und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. Vor meinen Augen! Ich verspüre einen heftigen Stich in der Herzgegend. Ist Daniel von allen guten Geistern verlassen? Wie kommt er dazu, eine Frau aufzureißen und sich auch noch neben mich zu setzen?
Ich versuche Daniel zu ignorieren, doch der starrt mich die ganze Zeit an. Am liebsten will ich ihm die Augen auskratzen und gleichzeitig besinnungslos küssen.
Ich beabsichtige, Chris in ein Gespräch zu verwickeln, doch bevor ich den Mund aufmachen kann, sagt jener: „Nimm es mir nicht übel, aber ich wäre dankbar, wenn du mich nicht nur als Lückenbüßer ansehen würdest. Ich habe deinen verletzten Blick gesehen, als Daniel mit Elaine aufgetaucht ist. Du willst dich an ihm rächen. Aber nicht mit mir! Du kannst mich nicht benutzen und dann fallen lassen. Tu mir den Gefallen und vertrag dich mit ihm, denn deine Launenhaftigkeit ist unerträglich! Du entschuldigst?“ Ohne eine Antwort meinerseits abzuwarten, steht er auf und geht zur Tanzfläche.
Daniel grinst wieder breit. Dieses Grinsen würde sich so gut aus dem Gesicht prügeln lassen. „Ist was?!“, keife ich und will mein Essen weiter verzehren.
„Bist du wirklich so blind oder tust du nur so? Selbst dieser Maulwurf von Chris hat verstanden, worum es geht.“
„Ach ja? Worum geht es denn?“, frage ich apathisch.
„Um uns.“, erwidert Daniel knapp.
„Um uns?!“ Ich bin entsetzt. „Du kommst her mit einer antiintelligenten Französin.“ Ich nicke abfällig zu Elaine. „Pardon?“, fragt diese, doch ihre Frage bleibt ungehört. „Willst mich eifersüchtig machen, indem du den Arm um sie legst, sie küsst und du dann von einem Uns redest?! Dieses Uns wird es nie wieder geben. Es war schon Fehler genug, dass dieses Uns überhaupt einmal existierte. Ich wollte mich wieder mit dir aussöhnen, doch das geht zu weit. Ich habe mich lediglich mit jemandem verabredet, um dich ein wenig schmoren zu lassen, aber du musst gleich übertreiben und wieder eine Andere küssen! Viel Spaß weiterhin mit Elaine.“ Ich spucke den Namen so verächtlich aus, als sei er giftig. „Im Sommer hast du sicher viel Freude an ihr - bauch- und hirnfrei! Lass mich in Ruhe, dann wird es allen gut gehen.“
„Und wenn gut nicht genug ist? Wenn ich „fantastisch“ will?“
„Greif nicht nach den Sternen, sie sind weiter weg, als es scheint. Zwischen uns, da...“, ich schlucke hart, muss mit Tränen kämpfen, „…ist nichts, hörst du? Lass mich zufrieden, bevor ich dich ungespitzt in den Boden ramme!“ Ich springe auf und renne aus der Halle.
Als ich das Gebäude verlassen habe, lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Daniel ist so ein immenser Dummkopf! Ich habe ihm schon fast verziehen und was macht er? Schleppt eine Französin an! Warum tut es nur so weh? Noch mehr wässrige Perlen bahnen sich ihren Weg über meine Wangen.
„Ashley?“, ertönt es hinter mir.
Ich muss mich nicht umdrehen, erkenne auch so, wer es ist. „Was willst du, Daniel?“
„Ist das nicht offensichtlich?“
„Anscheinend nicht. Also, was willst du?“
„Dich! Nicht mehr und nicht weniger.“ Ich reiße die Augen auf, wische die Tränen weg und drehe mich um. „Du hast mir gezeigt, wie leicht ich zu ersetzen bin. Das zwischen uns kann nicht gelingen! Mach es nicht noch schwerer. Es ist zwecklos.“
„Unsinn! Das Leben ist eine Bühne und du bist die Hauptdarstellerin. Du kannst das Unmögliche ermöglichen.“
„Nein, Schauspieler richten sich nach vorgegebenen Drehbüchern und können sie nicht ändern.“
„Du hast dir dein Drehbuch doch selbst vorgegeben, Ashley!“, ruft Daniel. „Weißt du nicht, wie du überreagierst? Ich habe jemand anderes geküsst und es bedeutete mir nichts. Doch du machst sofort Schluss und sagst, du hasst mich. Ich sehe ein, dass ich mich falsch verhalten habe, doch das, was du tust, ist nicht besser. Du hast mich mit Worten verletzt und merkst es nicht einmal. Vielleicht solltest du eine Minute darüber nachdenken!“
Ich schüttle den Kopf. „Eine Minute ist zu lang, um sie zu vergeuden. Gib auf, Elaine hat den Ausschlag gegeben.“
„Einen Menschen aufzugeben, den man liebt, heißt, das Leben aufzugeben.“
„Sei doch still.“, murmle ich.
„Nein, du wirst dir das anhören. Kennst du Ernst Ferstl? Ja, klar, du zitierst ihn oft. Wie war das noch? Wer einen Menschen zu lieben beginnt, weiß nie, wohin das führt. Aber er fühlt, er ist auf dem richtigen Weg.“
„Du verschwendest deine Liebe. Schenke sie jemandem, der sie auch will. Bei mir wirst du untergehen.“
„Ich suche das Meer bewusst, um darin zu ertrinken.“
„So wähle doch zumindest ein Meer, in dem es Rettungsboote gibt.“
„Mein Rettungsboot bist du!“
Ich wende mich ab, ertrage den flehenden Blick nicht. Es raschelt. Er lässt sich auf den Stufen einer Marmortreppe nieder. Wider meiner Gedanken folge ich ihm.
„Weißt du, ich bin ein sehr unentschlossener Mensch. Meine Meinungen schwanken immer hin und her. Heute heißt es „Ja“ und morgen wieder „Nein“. Doch bei dir hieß es immer „Ja“. Wie kann etwas, bei dem ich nur Zustimmung bekam, falsch sein?“
„Es ist nun mal so...“, murmle ich. Kaum waren die Worte gesprochen, tun sie mir auch schon wieder Leid. Die heraus gequollenen Worte stammen nur aus meinem Kopf, nicht aus meinem Herzen.
Daniel verneint. „Das stimmt doch nicht.“ Ganz unverhofft beugt er sich zu mir und drückt einen sanften Kuss auf meine Lippen. Meine Augen weiten sich, doch ich stoße ihn nicht fort. Sekunden verstreichen, die eine Ewigkeit dauern. Ein Seufzen entflieht meiner Kehle, als er seine Lippen langsam bewegt. Ich erwidere mit einer aufgestauten Leidenschaft, die ich selbst nie für wahr gehalten hätte.
„Heirate mich, Ashley.“ Es ist keine Frage, sondern eine Aufforderung. Das kommt überraschend, doch ich lächle nur geheimnisvoll und versinke wieder in dem Gefühl, seine Lippen auf meinen zu spüren.
Ein altes Sprichwort besagt, nur Liebe mache blind. Doch auch Glück kann blenden, denn oft übersiehst du es, auch wenn es direkt vor deiner Nase schwebt. Nun fühle ich das Glück, als sei ich in ihm eingetaucht. Ich trage es wie ein unsichtbares Gewand, das mich unverwundbar macht. Um ein Haar hätte ich das große Glück zusammen mit der großen Liebe versäumt...
Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.
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