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Der deutsche Radfahrer Jan Ullrich beendete am 26. Februar 2007 seine Karriere mit folgenden Worten: „Ich möchte heute offiziell bekannt geben, dass ich dem Radsport erhalten bleibe… aber nicht mehr als aktiver Radprofi!“
Der erfolgreichste deutsche Radrennfahrer aller Zeiten bestätigte das, was ohnehin schon die Mehrheit der Experten vermutet hatte. Um seine Entscheidung zu verkünden, hatte Ullrich ausgewählte Journalisten, Fanclub-Mitglieder sowie weitere erlesene Gäste, darunter auch Freunde und Familie, ins Hamburger Hotel Intercontinental eingeladen. Wer sich von der Pressekonferenz jedoch klärende Worte in Bezug auf den ihm hartnäckig anhaftenden Dopingverdacht erhofft hatte, wurde enttäuscht: strenge Einlasskontrollen, Nachfragen unerwünscht.
Stattdessen gab es eine Abrechnung mit den Medien, ehemaligen Kollegen und Funktionären des Radsports. Besonders scharf kritisierte Jan Ullrich Rudolf Scharping, den ehemaligen Verteidigungsminister und heutigen Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). „Es ist wahnsinnig schlecht für den Radsport, wenn er solche Präsidenten hat, die den Sport nicht lieben, sondern sich aus persönlichen Motiven profilieren“, ärgerte sich der 33-jährige. Scharping hatte sich zu Ullrichs Erfolgszeiten häufiger mit dem Tour de France-Sieger ablichten lassen, ging aber seit dem Aufkommen des Dopingverdachtes zunehmend mit ihm ins Gericht.
Die Zukunft
Ganz ohne seine Leidenschaft, den Radsport, möchte Jan Ullrich allerdings nicht leben. So wird er zukünftig als Berater, Werbeträger und Repräsentant des österreichischen Teams „Volksbank“ tätig sein. Er begründete seine Entscheidung für das junge Team damit, dass seine Erfahrung in diesem Bereich noch wirklich gebraucht werde. Dabei wurde er nicht müde immer wieder zu betonen, dass es auch genügend andere Angebote gegeben habe. Er hätte sofort wieder als aktiver Radfahrer anfangen können, auch in einem ProTour-Team, so der Ex-Profi.
Jüngsten Medienberichten zufolge soll der Vertrag mit dem Volksbank-Team allerdings erst dann in Kraft treten, wenn die Doping-Gerüchte geklärt sind. Bestätigen wollte Jan Ullrich dies zwar nicht, er erklärte aber, dass er bei der Präsentation des neuen Teams nicht anwesend sein werde, um die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken. Zusätzlich möchte sich der 33-jährige in Zukunft für zwei Unternehmen in der Entwicklung von Radreifen und Sportunterwäsche engagieren und wieder mehr Zeit mit Frau Sara und Tochter Sarah-Maria verbringen.
Der Dopingskandal
Ulrich, der 1997 als einziger Deutscher und jüngster Fahrer aller Zeiten die Tour de France gewann, wurde kurz vor Beginn der Tour 2006 zusammen mit seinem Kollegen Oscar Sevilla und seinem Betreuer Rudy Pevenage vom T-Mobile-Team suspendiert. Vier Tage zuvor waren belastende Indizien für eine Verstrickung des Rennfahrers in den Dopingskandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes aufgetaucht. Neben einer Vielzahl von Blutbeuteln wurden bei Fuentes auch Dokumente über die Vergabe leistungssteigernder Medikamente gefunden, in denen der Name „Jan Ullrich“, sowie die Bezeichnung „Sohn Rudys“ auftauchen.
Seitdem steht der gebürtige Rostocker im Mittelpunkt von drei Ermittlungsverfahren. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt nach einer Anzeige der Rechtsprofessorin Britta Bannenberg wegen Betruges an seinem ehemaligen Arbeitgeber T-Mobile. In diesem Zusammenhang wurde auch Jan Ullrichs Haus im schweizerischen Scherzingen ohne sein Wissen und in seiner Abwesenheit durchsucht. Gemäß der deutschen Strafprozessordnung hätte er allerdings das Recht gehabt, bei der Durchsuchung anwesend zu sein, oder sich vertreten zu lassen. Deshalb bleibt fraglich, ob die gefundenen Indizien vor Gericht gegen Ullrich verwendet werden dürfen. Eine DNA-Probe zum Abgleich mit den in Madrid gefundenen Blutkonserven liegt dennoch vor. Der Versuch seiner Anwälte, die Herausgabe der Blutbeutel zu verhindern, war zunächst gescheitert. Am 8. März 2007 stellte Jan Ullrich beim spanischen Verfassungsgericht allerdings einen neuen Antrag.
In Hamburg wurde Mitte Februar 2007 eine Klage des Molekularbiologen Werner Franke abgewiesen. Der Doping-Experte hatte den Ex-Profi wegen Meineides verklagt, weil er ausgesagt hatte, niemals Geld an Fuentes überwiesen zu haben. Zusätzlich läuft in der Schweiz ein sportrechtliches Ermittlungsverfahren, da Jan Ullrich zum Zeitpunkt der Razzia im Fuentes-Labor eine schweizer Rennlizenz besaß.
Jan Ullrich selbst streitet nach wie vor alle Vorwürfe ab. Er habe in seiner ganzen Karriere niemanden betrogen oder geschädigt, erklärte er in Hamburg.
Der Auftritt bei „Beckmann“
Auch bei seinem Auftritt in der ARD-Talkshow „Beckmann“ am selben Abend der Pressekonferenz, ließ er sich kein Geständnis entlocken. Der sichtlich nervöse Ex-Radprofi verwies auf die vom ARD-Talkmaster ungewohnt forsch gestellten Fragen immer wieder auf seine Anwälte. Diese hätten ihm geraten keine Aussagen zu laufenden Ermittlungen zu machen. Auf die Frage, was für ihn denn Doping sei, stammelte Ullrich: „Wenn man sich einen Vorteil verschaffen will mit Medikamenten gegenüber seinem Gegner.“
Wie nun bekannt wurde, versuchte das Management des Sportass’ nach der Aufzeichnung noch Einfluss auf den zu sendenden Inhalt zu nehmen. Gefordert wurde entweder die Befragung des ARD-Doping-Experten Hajo Seppelt zu kürzen, der Ullrich während der Sendung massiv angegriffen hatte, oder den kompletten Fragekomplex zum Thema Doping aus der Sendung zu schneiden. Obwohl die Möglichkeit einer nachträglichen Zensur laut seinem Manager Wolfgang Strohband vorher vereinbart worden war, lehnte die NDR-Redaktion die Aufforderung ab.
Beim Ausschluss von der Tour de France 2006 sei für ihn eine Sportlerwelt zusammengebrochen, so Ullrich heute. Er habe sich wie ein Schwerverbrecher behandelt gefühlt, und sei deswegen nicht bereit gewesen, mit der frühzeitigen Abgabe einer DNA-Probe seine Unschuld zu beweisen. Wer sich in seine Situation versetzt wird seine Sicht vielleicht nachvollziehen können. Verstehen sollte Jan Ullrich jedoch, dass die Unschuldsvermutung angesichts seiner Aussagen und der momentanen Indizienlage äußerst schwer fällt.
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