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Die Eltern der neuneinhalb-jährigen Ashley beschlossen vor dreieinhalb Jahren, dass ihre geistig behinderte Tochter nicht mehr wachsen darf. Ab diesem Zeitpunkt begann eine Behandlung die verhindern soll, dass das Mädchen weiterhin wächst und an Gewicht zunimmt.
Die Argumentation, warum die Eltern ihrem Kind diese ganze Prozedur zumuten, ist undurchsichtig. Die unglaubliche Geschichte begann mit der Diagnose kurz nach Ashleys Geburt, in der es hieß, dass sie unter „Statischer Enzephalopathie mit unklarer Ursache“, einer schweren Form von Gehirnentzündung, leidet. Die Eltern wurden durch die Ärzte darüber aufgeklärt, dass ihre Tochter wohl nie über den geistigen Zustand eines drei Monate alten Säuglings hinaus kommen wird. Ashleys Eltern wollen nun, dass ihre Tochter nicht mehr wächst und an Gewicht zunimmt, um so die Pflege und den Umgang mit ihr zu erleichtern. Dies sei nur im Interesse Ashleys, damit sie auch weiterhin auf Ausflüge mitgenommen werden könne, immer in der Nähe ihrer beiden Geschwister sein könne und nicht in ein Pflegeheim müsse. Ihr körperliches Erscheinungsbild solle ihrem geistigen Zustand angepasst sein.
Die Behandlung der Hormonspezialisten Daniel Gunther und Douglas Diekema begann mit der Entfernung von Gebärmutter und Brüsten. Brüste waren in diesem Alter aufgrund der hohen Östrogenproduktion nun schon vorhanden. Die Operation geschah, bevor mit der Überdosierung von Hormonen in Form von Hormonpflastern gestartet wurde - obwohl eine Sterilisation Behinderter eigentlich gesetzeswidrig ist. Die Hormonpflaster mussten über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren alle drei Tag gewechselt werden. Die übermäßige Verabreichung von Östrogen hat nämlich zur Folge, dass das Knochenwachstum gestoppt wird. Allerdings hat ein Kind wie Ashley, das bereits mit sechs Jahren in die Pubertät kommt, einen ohnehin höheren Östrogenspiegel. Dieses Hormon bewirkt, laut dem Oberarzt der pädiatrischen Endokrinologie der Charité in Berlin, Dr. Dirk Schnabel, „dass die Knochen schneller reifen und sich die Wachstumsfugen frühzeitig schließen“. Das bedeutet, das Ashley auch ohne die Therapie nicht groß geworden wäre.
Dr. Dirk Schnabel ist anderer Meinung als Gunther und Diekema. Er sagt, man könne auch durch andere Hormone die Pubertät hemmen. Das wäre der Fall, wenn der Wunsch der Eltern nach einem kleinen, leichten und somit einfacher zu pflegenden Kind unbedingt erfüllt werden soll. Die Hormontherapie hätte zur Folge, dass die Menstruation nicht einsetzen würde und die Pflege somit anspruchsloser sei, weil der Umstand ein Punkt weniger sei, der Zuwendung bedeutet. Die Therapie habe auch weitaus weniger Risiken als eine zusätzliche Östrogenbehandlung.
Zu diesem Gegenstand gibt es verschiedene Meinungen. So wurde beispielsweise ein Forum bei Spiegel online errichtet, welches das Thema von Ashleys Behandlung aufgreift. In diesem Kreis sind zwei Lager aufeinander getroffen.
So sagt beispielsweise eine Nutzerin, sie bewundere die mutige Entscheidung der Eltern, Ashley den Körper geben zu wollen, den dieses Baby brauche. Eine radikalere Äußerung ist, dass auch Zahnspangen und Schuheinlagen als Eingriff in die Natur sind und mit der Operation Ashleys gleichgesetzt werden sollten. Aus diesen Gründen dürfen die Eltern, so der Nutzer, nicht verurteil werden.
Es wird also viel diskutiert über den Sinn und die Notwendigkeit der Behandlung. Letztendlich ist es eine Frage der Würde, Ashleys Würde.
Gegenpositionen lauten dann in etwa so: „Ich finde das anstößig, wenn nicht pervers“, erregte sich etwa ein anderer Nutzer Anfang November, „wirklich ein Meilenstein in unserer auf Annehmlichkeit bedachten Gesellschaft“. Die Erklärung der Eltern, sie hätten das alles zum Wohle ihrer Tochter getan, wird nicht akzeptiert: „Oh, mein Gott!“, schrieb eine Mutter eines Fünfjährigen mit den mentalen Fähigkeiten eines Babys. Sie „würde niemals auch nur so etwas in Erwägung ziehen“. Hier versuchten die Mediziner, ihrer Meinung nach, nur Gott zu spielen.
In der fachlichen Welt werden größtenteils ablehnende Ansichten vertreten. So sagt Medizinethiker Arthur Caplan der Universität von Pennsylvania: „Pubertät, Wachstum und Alterung geschieht mit uns allen, und es gibt viele Menschen da draußen, die dabei auf Hilfe von ihrer Familie oder der Gesellschaft angewiesen sind. Die Lösung ist ganz sicher nicht, jede Person mit Schizophrenie, Autismus oder Verhaltensstörungen in einem kindlichen Zustand zu halten.“ Weiterhin meint er, dass das Gebot, Patienten keinen Schaden zuzufügen („primum non nocere“) für Ärzte der wichtigste Grundsatz sei.
Vor allem die Sterilisation beschäftigt die Mediziner: „Die Brustamputation sowie die Entfernung der Gebärmutter sind medizinisch und ethisch nicht zu rechtfertigende, bleibende Veränderungen an den Geschlechtsmerkmalen eines Mädchens“, sagt Dirk Schnabel aus Berlin. Es gibt Mediziner, die die Verantwortung von Ashleys Eltern zu den Ärzten schieben. Denn weniger die Frage nach der guten Absicht der Eltern ist es, die Kritiker auf den Plan ruft, sondern das Verhalten der Ärzte: „Das Wachstum zu stoppen ist kein ethischer Weg.“ laut Arthur Caplan. Eine eher abwartende Haltung gegenüber den Eltern nimmt dagegen David Fleming, Arzt und Direktor des Zentrums für Gesundheitsethik an der Universität von Missouri („Center for Health Ethics an der University of Missouri“) ein und fasste es so zusammen: „Nur die Zeit wird zeigen können, ob die Eltern die richtige Entscheidung getroffen haben. Es sieht jedenfalls so aus, als hätten sie im besten Interesse des Kindes gehandelt.“
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