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Der Mond leuchtete hell am wolkenlosen Himmel und die Sterne funkelten wie kleine Perlen auf die zwei Mädchen herab. Jetzt aber schnell in die U-Bahn und dann ab nach Hause, dachte Elena. Sie bemerkte, wie ihre Freundin zitterte. Sarah war noch nie ein Nachtmensch gewesen, doch nun war es schon nach elf Uhr. Sie waren gerade auf dem Rückweg von der Geburtstagsfeier eines Klassenkameraden.
Sarah hatte Angst im Dunkeln. Oh Gott, wieso habe ich mich nur überreden lassen, mitzukommen?, fragte sie sich sicher schon zum hundertsten Mal an diesem Abend. Und warum zur Hölle hatte sie sich nichts Wärmeres angezogen? Immerhin war es Ende November und eiskalt. Aber nein, sie mussten ja unbedingt Jagd auf neue Flirts machen, schalt sie sich in Gedanken. Ganz toll! Und dann war diese auch noch erfolglos gewesen.
Die Rolltreppe, die abwärts zur Untergrundbahn führte, war schon in Sicht. Elena und Sarah wechselten einen kurzen Blick, sagten aber kein Wort. Endlich sicherer!
Sarah atmete erleichtert auf. Ein Teil der Angst schwand aus ihrem Gesicht, aber eine gewisse Besorgnis blieb, wie das Nachleuchten der Sonne hinter geschlossenen Augenlidern. Viele Leute, die sie nicht kannten, dachten von ihr, sie sei furchtlos, manchmal eiskalt und manchmal feuerheiß. Man konnte sich an ihr die Finger verbrennen oder an ihr kleben bleiben, wie an einer wunderschönen Eisstatue. Ein Mädchen, das zwar bildhübsch war, aber Eiswolken beim Ausatmen bildete.
Zehn Minuten später saßen sie auch schon auf den recht unbequemen Sitzen in der U-Bahn. Es würde eine lange Fahrt werden. Hätten sie sich doch bloß abholen lassen... Kaum andere Leute waren anwesend. Nur eine Person fiel Sarah schnell ins Auge. Es war ein Junge, wahrscheinlich um die siebzehn Jahre alt. In ihren Augen glomm ein unlesbarer Ausdruck auf. Zu schwach, um definiert werden zu können, aber zu stark, um es nicht zu bemerken. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen, welches Elena allerdings entging. Besagter Junge blickte des Öfteren in ihre Richtung. Er hatte sie bemerkt und es schien ihm zu gefallen, was er sah. Als er ihr dann auch noch ein Lächeln schenkte, grinste sie sehr breit. Diesmal konnte es Elena nicht übersehen, doch musste sie mit Engelszungen sprechen, um endlich zu erfahren, was los war.
„Siehst du den Typ da drüben?“, flüsterte Sarah und Elena nickte.
Sie musterte ihn unauffällig von oben bis unten, dann grinste auch sie. „Süß“, meinte sie nur und lehnte sich wieder zurück. Vernahm Sarah Desinteresse aus ihrer Tonlage oder war es nur die Müdigkeit, die aus ihr sprach?
Der Junge stand auf und trat auf die beiden Freundinnen zu. „Hi, du bist mir aufgefallen. Ich heiße Ben und du?“, sagte er an Sarah gewandt und griente gewinnend.
„Ich bin Sarah, hallo.“, antwortete sie monoton. Sie war viel zu aufgeregt, um etwas Geistreiches sagen zu können. Vielleicht wurde das mit dem „Jungenfang“ heute ja doch noch etwas...
Ben nickte verstehend und als von Sarah aus nichts kam, fragte er: „Was hörst du so für Musik?“
„Och, dieses und jenes. Hauptsächlich das, was in den Charts läuft. So wie Jennifer Lopez.“
„Oh Gott, nein. Die ist grottenschlecht.“
„Würde sich deine Meinung ändern, wenn wir das weiterführen?“, erkundigte sich Sarah und kicherte nachgiebig. Dass ihre Freundin neben ihr über dieses infantile Gekicher innerlich die Augen verdrehte, nahm sie nicht wahr.
„Genauso wenig, wie sich deine auch nur einen Millimeter weit bewegen würde...“
„Das hängt davon ab, wie überzeugend der andere kommentiert.“
„Ich bin die Überzeugung selbst...“, entgegnete Ben. Er grinste, doch Elena fand ihn nur eingebildet. Sarah jedoch schien zu schmelzen. Dieser Junge war doch unausstehlich wie sonst was! Was fand sie nur an ihm? Unsympathisch vom ersten Augenblick. Wieso ging Sarah nur nach Äußerlichkeiten?
„Wohl eher, du bist überzeugt von dir selbst, wie?“, fragte Sarah herausfordernd.
„Was soll schlecht daran sein?“
„Einfach alles.“
„Aber nur, weil du dir dabei doof vorkommst.“
„Nein, weil du mir dabei doof vorkommst“
„Platon hätte Freude an dir gehabt...“, äußerte er sich.
„Platon war der größte Denker der abendländischen Philosophie. Bedeutend sind vor allem seine so genannten sokratischen Dialoge, in denen er seinen Lehrer Sokrates anhand der ihm eigenen Beweisführung ein Modell des rechten Wissens entwickeln lässt. Platons Ideenlehre wirkte vor allem auf die Neuplatoniker. Nur für den Fall, dass du jetzt erwartet hast, ich frage, wer Platon war... Als Beleidigung werde ich das deshalb nicht auffassen“, erwiderte Sarah frech.
„Nur schade, dass Platon schon tot ist.“
„Du bist unverbesserlich...“, seufzte sie ergeben.
„Ich weiß, ich bin so perfekt, da gibt es nichts zu verbessern. Ein Unikat eben. Man hat mich geschaffen und danach die Form zerbrochen.“
Dann, als Sarah darauf nichts einzufallen schien, fragte er zusammenhangslos nach ihrer Handynummer. Und gerade, als sie ihm diese bereitwillig geben wollte, schaltete sich ein hübsches blondes Mädchen ein, welches die Szene schon die ganze Zeit beobachtet hatte.
Aber das war Sarah durch ihre rosarote Sonnenbrille ja nicht aufgefallen, dachte Elena verbittert. Dabei stand die Fremde die ganze Zeit neben ihr und hatte sie diabolisch grinsend gemustert.
„Ist ja schon gut, Ben, du hast gewonnen. Du bekommst wirklich jede rum, aber trotzdem gehörst du nur mir!“ Dann wandte sie sich an Sarah: „Tut mir leid, Kleines, aber der ist vergeben...“ Die Blondine lehnte sich Besitz ergreifend an Ben. Sarah errötete zutiefst. Oh Mann, wie peinlich! Wie konnte man nur so etwas Gemeines machen? Was hatte sie verbrochen, dass sie so dafür bestraft wurde?
Niemand sagte etwas, nur das unregelmäßige Atmen Sarahs war besonders herauszuhören. Die verschiedenen Stimmungen, die in der U-Bahn schwebten, waren fast greifbar.
Schließlich ging Ben mit der Blonden am Arm zur Türe und drehte sich ein letztes Mal um: „Ich bedaure es, dich meiner Gesellschaft zu berauben, aber ich muss jetzt gehen.“ Dann verließ er die U-Bahn. Sarah starrte ihm hinterher und sah, wie Bens Freundin lauthals zu lachen anfing. Enttäuschung und Wut breiteten sich wie ein Flächenbrand in Sarahs Augen aus. Wut vor allem darüber, wie sie nur so dumm gewesen sein konnte, darauf hereinzufallen. Doch mehr Gedanken brachte sie der Erschütterung wegen nicht zusammen.
Elena sah ihre Freundin besorgt an. Sie hatte es ja von Anfang an im Gefühl gehabt...
Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.
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