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Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Liebe und sexueller Begierde, zwischen Liebe für den Partner oder die Partnerin und Liebe für einen Freund oder eine Freundin? Die meisten sehen und fühlen einen Unterschied in dieser Liebe, sind jedoch nicht in der Lage, ihn genau zu beschreiben. In Nachschlagewerken sowie auch im Internet lassen sich hunderte verschiedene Definitionen finden, die alle unterschiedlich sind, die Liebe aber dennoch richtig zu beschreiben scheinen.
Vielleicht ist der Grund für die Schwammigkeit der Definitionen und Beschreibungen ganz einfach unsere Sprache. Es gibt im Deutschen nur ein Wort für „Liebe”, also nur ein Wort, um viele verschiedene Arten von Liebe zu beschreiben. Im Spanischen zum Beispiel gibt es drei verschiedene Wörter für Liebe: „amar“, „quierer“ und „adorar“. Jedes verfügt über einen eigenen Bedeutungsumfang und drückt somit die Liebe ein wenig differenzierter aus.
Trotz der Vielfältigkeit und der dadurch bedingten Schwammigkeit der Definitionen von Liebe ist eine Entwicklung zu beobachten. Der Umgang mit der Liebe selbst, insbesondere in Bezug auf Liebesbeziehungen, verändert sich.
Früher war es üblich einen Partner zu heiraten und mit demselbigen sein Leben zu bestreiten. Heute werden die Partner weitaus häufiger gewechselt, was zum Beispiel an der Scheidungsrate deutlich wird. Größtenteils reicht jedoch ein kurzer Blick in die eigene Umgebung, um die mehr oder weniger ausgeprägte Kurzlebigkeit der meisten Beziehungen wahrzunehmen.
Dies wirft die Frage nach dem „Wieso“ auf. Handelt es sich um einen Werteverfall oder eine Werteverschiebung? Ist der relativ schnelle Partnerwechsel eventuell das Resultat weniger moralischer Obligationen und somit ein Ausdruck von mehr Freiheit?
Eine Hypothese ist, dass uns durch die Modernisierung der Gesellschaft weniger moralische Zwänge auferlegt werden. Dadurch ist es möglich, eine nicht weiter verpflichtende Beziehung einzugehen. Außerdem gewährleistet dies die Freiheit, auszuprobieren und zu erfahren, was von einem Partner und einer Beziehung erwartet wird.
Eine Theorie für den Wandel der Liebesbeziehung ist, dass die offensichtlichen Werteverschiebungen – ob gut oder schlecht sei dahingestellt – ein Effekt unserer modernen Gesellschaft sind. Wir leben in einer Konsumgesellschaft: So gut wie jeder hat ein Handy, einen mp3-Player wenn nicht gar einen iPod. Sobald ein neues, besseres Produkt auf den Markt geworfen wird oder das alte nicht mehr befriedigend genug ist, wird das neue Produkt zum Objekt der Begierde.
Das Verlangen nach dem Produkt ist relativ leicht und vor allem schnell zu befriedigen, zumindest wenn das nötige Kapital vorhanden ist. Dieses Prinzip kann im Grunde auch auf Beziehungen angewendet werden: Sobald ein „besserer“ Partner ins Bild tritt, wird er dem alten vorgezogen. Durch das Angebot des Marktes von sofortiger Befriedigung wird dies auch von einer Beziehung verlangt. Tut sie das nicht, wird sie – genau wie das zerkratzte Handy – umgetauscht. Der Begriff hierfür lautet „pure relationship“ (pure Beziehung) und beinhaltet als zentralen Aspekt die „Freistellung von Institutionen, Funktionen, Geschlechterrollen“, so Prof. Dr. Gunter Schmidt, Sozialpsychologe aus Hamburg. Der bedeutendste Aspekt besteht jedoch in dem Wissen der Partner, dass die Beziehung jederzeit von beiden Seiten beendet werden kann.
Eigentlich klingt es doch nach einer positiven Entwicklung der Beziehung. Jeder hat die Freiheit, die Beziehung zu einem beliebigen Zeitpunkt zu beenden und ist nicht durch Institutionen, wie zum Beispiel die Kirche, an eine unbefriedigende Beziehung gebunden.
Die Sache hat allerdings einen großen Haken: Wenn beide Partner sich bewusst sind, dass sie selbst jederzeit die Beziehung beenden können und einen neuen Partner finden, sind sie sich auch darüber bewusst, dass dies ebenso für den Partner gilt. Dadurch wird jedoch die Fähigkeit sich zu binden bedeutsam geschmälert, da die Angst verlassen und/oder verletzt zu werden sehr viel größer ist. Auch hier kommen weitere Faktoren unserer modernen Gesellschaft hinzu. Immer öfters wird Mobilität erwartet, also in der Lage zu sein in andere Bundesländer oder sogar Länder zu reisen, um dort zu leben und zu arbeiten. Dies zieht häufig ein Verlassen des Partners nach sich, außer dieser entschließt sich mitzuziehen.
Es ist demnach verständlich, dass weniger in eine Liebesbeziehung investiert wird und stattdessen andere Prioritäten wie zum Beispiel Job oder Freunde gesetzt werden. Früher schienen die Prioritäten klar auf den Lebenspartner gelegt worden zu sein und deshalb gab es in den Liebesbeziehungen die damit verbundene Loyalität und im Idealfall Hingabe. Heute jedoch scheint es primär um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu gehen. Sobald diese nicht mehr garantiert ist, muss eine Quelle für Befriedigung herangezogen werden.
Ein solcher Einfluss der Gesellschaft ist sehr wahrscheinlich, da die Entwicklung der „pure relationship“ mehr oder weniger simultan zur Globalisierung und Modernisierung stattfand und -findet. Trotzdem sollten die dazu gewonnenen Freiheiten (z.B. eine Beziehung zu einem beliebigen Zeitpunkt beenden zu können) nicht außer Acht gelassen werden. Dennoch scheint es charakteristisch für die „pure relationship“, dass weniger Arbeit in sie investiert wird. In einer Beziehung bringt der jeweilige Partner weniger Zeit und Mühe auf, um eventuelle Durststrecken (gemeinsam) zu überwinden und somit einen größeren Zusammenhalt zu kreieren. Diese Mühe scheint nicht lohnenswert, wenn – egal ob bewusst oder unbewusst – davon ausgegangen wird, dass die Beziehung nicht für immer beziehungsweise nicht lange halten kann und wird. Ihr Scheitern wird sozusagen geplant und trifft deswegen auch öfter zu.
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