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Aberglaube und Rituale im Fußball


29.04.2007 (P. Laux) Kategorie: Sport

Bild: www.fea-fleuz.de

Aberglaube und die Durchführung von Ritualen haben seit jeher einen festen Platz in der Gesellschaft. Während manche Menschen ihre Glücksbringer in den verschiedensten Prüfungssituationen bei sich tragen, versuchen andere, ihr Glück durch die Ausübung bestimmter ritueller Handlungen zu beeinflussen. Derartige Verhaltensweisen spielen auch in Bereichen, die der Öffentlichkeit durch Medien zugänglich sind, eine wichtige Rolle, so etwa im bezahlten Leistungssport. Das, was heute mit den Begriffen Aberglauben und Ritual umschrieben wird, hat fast nirgendwo festeren Platz als im riesigen Fußballgeschäft. Dabei muten die Marotten der millionenschweren Stars von damals und heute oft liebenswert aber dennoch skurril an.

Der ehemalige „Bomber der Nation“, Gerd Müller, lief beispielsweise immer mit Schuhpaaren in Größe 41 aufs Spielfeld, obwohl das mindestens zwei Größen zu viel waren. Er glaubte, sich auf diese Weise besser drehen zu können. Ob das spezielle Schuhwerk Gerd Müller den herrlichen Drehschuss gegen die Niederländer im Endspiel der Weltmeisterschaft 1974 erst ermöglichte, wird auf Ewig Spekulation bleiben. Interessanter als die physischen Konsequenzen derartiger Rituale und Aberglauben für das Fußballspiel sind ohnehin die Auswirkungen auf die Psyche der jeweiligen Spieler.

Der deutsche Nationalstürmer Miroslav Klose zum Beispiel versucht, sich mit einer festen Angewohnheit vor jedem Spiel mentale Stärke zu geben. Im Film „Deutschland – Ein Sommermärchen“ verrät der Torjäger von Werder Bremen, welches Ritual er verfolgt. Es beginnt mit dem Anziehen von Stutzen, Schuhen und Co. in bestimmter Reihenfolge und endet damit, dass das Spielfeld mit dem rechten Fuß zuerst betreten wird.

Dem Betrachter mag die Angewohnheit merkwürdig erscheinen. Tatsächlich stellt sich die Frage nach dem Sinn derartiger Verhaltensmuster. Dieser liegt offenbar nicht in der Sache selbst. Das Betreten des Platzes mit dem rechten Fuß allein sorgt als physikalischer Akt nicht dafür, dass das Spiel besser läuft. Dennoch versuchen die Fußballer, auf ein in der Zukunft liegendes Ereignis diffusen Einfluss auszuüben. Die Ansicht der Spieler, das eigene Spiel oder das Spiel der Mannschaft durch Rituale und dergleichen verbessern zu können, ist nicht rational erklärbar, nicht Wissens- sondern eben Glaubenssache.

Aus diesem Grund wird ein Ritual auch nicht gleich verworfen, wenn trotz dessen Durchführung das Fußballspiel einmal schlecht läuft. Bleibt ein Stürmer wie Miroslav Klose länger torlos, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er seine Verhaltensmuster ändert oder austauscht. Die Torlosigkeit wird dann nicht als Beweis für die Sinnlosigkeit des Rituals gewertet. Vielmehr hält der Spieler an seinem Glauben fest. Ähnlich wie beim religiös motivierten Glauben geht es darum, sich Standfestigkeit und Selbstvertrauen in einer Lebenssituation zu geben.

Schwierig wird das allerdings, wenn die Misserfolge dauerhaft bleiben. Manch einer hat sich auch dafür etwas einfallen lassen. So aß Peter Neururer in seiner aktiven Zeit als Trainer in der Bundesliga vor jedem Spiel die gleiche Mahlzeit und behielt auch dieselbe Kleidung und Frisur solange, bis sein Team verlor. Sodann folgten ein neues Essen, neue Kleidung und ein Haarschnitt. Dahinter steckt die Idee des ständigen Austauschens von Glücksbringern.

Wer solche Verhaltensweisen nun pauschal für sinnlos erklärt, begibt sich in die Gefahr, einen Zusammenhang zwischen dem Festhalten an Ritualen und mangelnder Intelligenz zu diagnostizieren. Ein derartiges Vorgehen ist problematisch. Zwei völlig unterschiedliche Ebenen, die des Wissens und des Glaubens, würden miteinander vermengt. Schwer greifbar bleibt jedoch, an was oder wen eigentlich geglaubt wird. Ein sogenannter „Fußballgott“ wird von Spielern, Trainern und Funktionären hin und wieder thematisiert. Dies geschieht jedoch zumeist mit einem Augenzwinkern. Fußball ist keine Religion. Doch spielen für viele Beteiligte auch im Geschäft um den runden Lederball augenscheinlich höhere Mächte eine gewisse Rolle.

Um zu verstehen, warum der Glaube an die Existenz übergeordneter Mächte verbreitet ist, hilft es, sich in die Situation eines Fußballspielers zu versetzen. Jede Woche steht er einem neuen Gegner und damit verschiedenen Unwägbarkeiten gegenüber. Der Fußballer fragt sich, wie die physische Verfassung der Kontrahenten sein wird, mit welcher Taktik sie agieren werden und noch vieles mehr. Da ist es tröstlich, an so etwas wie Schicksal zu glauben, nicht zuletzt um hin und wieder sagen zu können: „Heute sollte es einfach nicht sein.“

Sicherheit gibt zudem auch das bloße Ausführen von rituellen Handlungen, weil sie Stetigkeit vermitteln. Wir kennen das aus nahezu allen Bereichen des Alltagslebens, in denen wir bestimmte Angewohnheiten oder Marotten entwickeln. Sie werden dauerhaft verfolgt, um ein Terrain herzustellen, in dem wir uns sicher und geborgen fühlen. Im Prinzip versuchen auch abergläubige Fußballspieler nichts anderes. Deshalb wäre es ungerechtfertigt ihre Rituale pauschal zu verurteilen, auch wenn die oft zum Schmunzeln einladen.

Wer sich nun alter oder aktueller eigener Angewohnheiten und Aberglauben erinnert und eine gute Idee für eine beruhigende Marotte hat, der sollte sich unbedingt bei Falko Götz, dem Trainer von Hertha BSC Berlin, melden. Der ist nämlich noch auf der Suche nach dem passenden Ritual vor dem allwöchentlichen Bundesligaspiel.



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