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Notlösung oder Chance? Polen und Ukraine richten Fußball-EM 2012 aus


17.05.2007 (J. Wixforth) Kategorie: Sport

Bild: de.uefa.com

Nur die sehr optimistischen Fußball-Fans in Polen und der Ukraine haben wohl tatsächlich mit dem gerechnet, was seit dem 18. April 2007 Gewissheit ist: Die beiden Länder werden die übernächste Fussball-Europameisterschaft 2012 gemeinschaftlich ausrichten. Mit acht von zwölf Stimmen sprach sich das Exekutivkomitee der Europäischen Fussball-Union (UEFA) im schottischen Cardiff deutlich für die beiden Osteuropäer aus. Die Konkurrenz aus Kroatien, Ungarn und Italien ging damit leer aus. Nach Jugoslawien im Jahre 1976 findet damit erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Fußballs ein großes Turnier im Osten Europas statt.

In vielen polnischen Städten hatten tausende Menschen die Entscheidung auf Großbildleinwänden verfolgt und brachen in unbändigen Jubel aus. Überall regnete es Konfetti und Sektkorken knallten. „Ein schöner Tag für den polnischen Sport, ein schöner Tag für Polen“, freute sich auch der polnische Regierungschef Jaroslaw Kaczynski. Weniger begeistert waren dagegen verständlicherweise die Verlierer: Der kroatische Verbandspräsident, dessen Land sich gemeinsam mit Ungarn beworben hatte, zeigte sich „schockiert, nicht überrascht“.

Die gescheiterte Konkurrenz

Auch in Italien, das sich als große Fußballnation von Anfang an als Top-Favorit verstand, war die Enttäuschung groß. Dabei hatte alles so gut ausgesehen im Land des amtierenden Weltmeisters. Die wirklich ernsthafte Konkurrenz wie Russland, Schottland/Irland, Schweden/Dänemark/Norwegen oder die Türkei wurden in verschiedenen Vorauswahlen bis 2005 allesamt aussortiert. Nicht nur die Aussage eines ranghohen UEFA-Managers, der Verband wolle ganz sicher gehen, dass Italien die EM kriegt, schürte viele Spekulationen. Alles sah danach aus, als habe die UEFA den Italienern ein Finale ohne echte Gegner bereitet, das sie gar nicht verlieren konnten.

Einen Strich durch diese Rechnung machte sich der italienische Fussball in den letzten zwei Jahren wohl selbst. Der Manipulationsskandal, Bestechungen, Zwangsabstiege und immer wieder Gewalt in den Stadien, bis hin zur Aussetzung des Spielbetriebs, stellten die italienische Fussball-Welt auf den Kopf. Obwohl die Entscheidungsträger in Italien mittlerweile weitestgehend ersetzt wurden und die Situation sich zu verbessern scheint, sind noch längst nicht alle Affären aufgedeckt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Die Europameisterschaft dennoch an Italien zu vergeben, hätte der UEFA einen Image-Schaden zufügen können, den sie nicht riskieren wollte.

Auch wenn die Bewerbungsgemeinschaft aus Ungarn und Kroatien in den letzten Jahren von Skandalen weitgehend verschont geblieben war, wurden ihre Chancen als äußerst gering eingeschätzt. Das Problem waren die ungleichen Voraussetzungen: Kroatien wird als junge aufstrebende Fußballnation im eigenen Land von einer Welle der Euphorie getragen. Nicht nur die bereits vorhandene optimale Infrastruktur hätte beste Voraussetzungen geboten. „Wir würden lieber den EM-Zuschlag erhalten, als mit Kroatien Weltmeister werden“ hatte Verbandspräsident Vlatko Markovic im Voraus die Stimmung im Land auf den Punkt gebracht. Ganz anders die Situation in Ungarn: Aufgrund des chronischen Misserfolgs der ungarischen Fussball-Nationalmannschaft der letzen Jahrzehnte war die Nation scheinbar zu wenig euphorisch, als dass ihr die Ausrichtung eines solchen Mega-Events zugetraut worden war.

Die Gastgeber

Letztendlich scheint neben einem Mangel an Alternativen auch die geographische Position den Ausschlag für Polen und die Ukraine gegeben zu haben. Der bekennende Italien-Fan und neue Präsident der UEFA, Michel Platini, hatte im Wahlkampf immer wieder versprochen, sich für die osteuropäischen Staaten stark zu machen. Nicht zuletzt auch durch die Stimmen aus dieser Region war der Franzose jüngst in einer Kampfabstimmung zum UEFA-Oberhaupt gewählt worden.

Trotz der tollen Chancen für Polen und die Ukraine sich auch wirtschaftlich und politisch weiter im Westen zu etablieren, sind die Voraussetzungen auch hier alles andere als optimal. Der polnische Verbandspräsident Michal Listkiewicz war nach einem Manipulationsskandal schon suspendiert worden und kehrte nur auf Druck des Weltverbandes FIFA wieder auf seinen Posten zurück. Zudem gehört die polnische Hooligan-Szene zu den größten und gefährlichsten in Europa.

Auch das ukrainische Fussball-Oberhaupt Grigorij Surkis war bereits in eine Schiedsrichter-Bestechung verwickelt, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist. Neben der anhaltenden innenpolitischen Krise könnten die enorm weiten Wege zwischen den Spielstätten und die wenig ausgebaute Infrastruktur ein weiteres Problem in der Ukraine werden. Allerdings versprachen beide Regierungen, die anfallenden Herausforderungen auch finanziell durchaus meistern zu können. So wird beispielsweise in Warschau eine der modernsten Fussball-Arenen in Europa entstehen, in der 70.000 Fans Platz finden. Weitere Projekte dieser Art sind in Planung.

Insgesamt ist die Ausrichtung eines solchen internationalen Festes den beiden Ländern also durchaus zuzutrauen. Sie müssen nun beweisen, dass die Wahl für sie selbst doch nicht so überraschend kam, wie für den Rest Europas.



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