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Kranke Kinderseelen


21.05.2007 (S. Petersohn) Kategorie: Gesundheit

Bild: www.kinderschutzbund-frankfurt.de

Sie sind aggressiv und laut oder können nie stillsitzen, ziehen sich vollkommen in ihre eigene schweigsame Welt zurück oder leiden unter ungeklärten Bauch- und Kopfschmerzen, Schlaf- und Essstörungen: Die kranke Kinderpsyche offenbart sich auf vielfältige Art und Weise. Emotionale Störungen sind bei Kindern keineswegs eine Seltenheit. Ein Bericht des Bundesverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) weist jedes zehnte Kind als psychisch auffällig aus.

Ein kleiner „Zappelphillip“ wird von seinen entnervten Eltern relativ schnell in ärztliche Behandlung gegeben. So genannte „stille Erkrankungen“, wie Depressionen und Angststörungen, bleiben jedoch häufig lange unerkannt. Viele Eltern sind sich dessen nicht deutlich bewusst, dass auch Kinder psychische Störungen entwickeln können. So werden zum Beispiel Depressionen stark unterschätzt, denn wer hält es für möglich, dass bereits ein Grundschulkind daran erkranken kann?

„Zudem interpretierten Eltern die Anzeichen einer leisen Störung oft falsch“, sagt Silvia Schneider, Kinderpsychologin an der Universität Basel. Ängstlichkeit würde nicht selten für einen generellen Wesenszug des Kindes gehalten oder auf eine vorübergehende Phase in seiner Entwicklung geschoben. Deshalb wenden sich Eltern mit ihren Kindern bei Angststörungen wesentlich seltener an Therapeuten als etwa mit hyperaktiven Kindern, obwohl beide Störungen gleichermaßen häufig auftreten.

Der Aberglaube, dass sich emotionale Störungen beim Kind „auswachsen“, ist mittlerweile wissenschaftlich widerlegt. Wird eine seelische Erkrankung im Kindesalter nicht fachgerecht behandelt, so wird fast jeder zweite Fall chronisch. Neun von zehn Menschen, die im Kindesalter unter Trennungsangst litten, sind als Erwachsene psychisch krank. Sie leiden dann möglicherweise unter einer Panikstörung, einer manisch-depressiven Erkrankung oder werden alkoholabhängig.

Nicht nur die persönlichen sondern auch die gesellschaftlichen Folgekosten sind enorm. Der BDP belegte mit Studien aus anderen europäischen Ländern, dass die Behandlung psychischer Störungen bis zu ein Fünftel der staatlichen Ausgaben für die Gesundheit ausmachen kann.

Wenn nun die Notwendigkeit einer psychologischen Behandlung letztendlich erkannt wird, so bahnen sich weitere Schwierigkeiten für den kleinen Patienten und dessen Eltern an: Die Betreuung durch geschulte Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ist in Deutschland flächendeckend nicht immer möglich. Besonders in den östlichen Bundesländern sind niedergelassene Fachärzte Mangelware. So kommt in Sachsen-Anhalt auf 200.000 Einwohner unter 18 Jahren ein Kinder- und Jugendtherapeut. In Baden-Württemberg ist dagegen durch fast 4.000 zugelassene Psychologen eine bessere Versorgungssituation gewährleistet.

Eltern, die für ihr Kind einen Therapieplatz bei einem Spezialisten suchen, werden entweder gar nicht fündig oder müssen monatelange Wartezeiten in Kauf nehmen. Christa Tophoven, Geschäftsführerin der Bundespsychotherapeutenkammer, bezeichnet diese Situation als „nicht akzeptabel“. Kliniken und niedergelassene Ärzte beklagen eine psychosoziale Unterversorgung vor allem in sozialen Brennpunktgebieten. Gerade in schwierigen Milieus erkranken Kinder häufiger an emotionalen Störungen.

Wie konnte es jedoch zu einer solchen Situation kommen? Die örtlichen Zulassungen von geschulten Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in den gesetzlichen Krankenkassen werden, ähnlich wie bei Ärzten, durch gesundheitspolitische Vorgaben geregelt. Seit 1999 ist die Zahl der Zulassungen nicht mehr erhöht worden. Das Bundesgesundheitsministerium sieht dafür keinen konkreten Handlungsbedarf. Neuzulassungen gestalten sich dadurch als überaus schwierig. Zudem unterscheidet die Richtlinie zur Bedarfsplanung fatalerweise nicht zwischen Psychotherapeuten für Erwachsene und Kinder, obwohl sie eine unterschiedliche Ausbildung durchlaufen. Kinder können schließlich nicht wie Erwachsene behandelt werden.

Mit weniger als einem Prozent der Gesamtausgaben des Staates für Gesundheit könnte laut dem BDP Abhilfe geschafft werden. Der Verband richtet in seinem Bericht zur psychotherapeutischen Versorgungssituation konkrete Forderungen an die Politik. So sollen Therapieangebote für Erwachsene und Kinder bei der Bedarfsplanung zukünftig getrennt aufgeführt und eine Quote für Kindertherapeuten eingeführt werden, die einen Mindestversorgungsgrad von bundesweit 20 Prozent gewährleistet. Eine verstärkte Aufmerksamkeit für psychische Auffälligkeiten bei kinderärztlichen Untersuchungen erwiese sich ebenfalls als hilfreich.

In der Gesundheitsreform steht die kranke Kinderpsyche jedoch nicht auf der Tagesordnung. Sind die emotional gestörten Kinder von heute erwachsen, so heißt das noch lange nicht, dass sie gesund sind. Die Folgekosten werden sich dann nicht „weg-reformieren“ lassen.



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