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Am 21. Juli 2005 verkündete unser Bundespräsident Horst Köhler, er habe den Bundestag aufgelöst. Diese Entscheidung bedeutet Neuwahlen und das wiederum, dass es im September mit höchster Wahrscheinlichkeit einen Regierungswechsel geben wird.
Im Grunde herrscht heile Welt, denn für jeden ist bereits klar, wie die Wahl ausgehen wird. Gut, es wird nun gegen die Entscheidung des Bundespräsidenten geklagt, da sie angeblich verfassungswidrig sei. Aber das sind doch alles nur Formalien. Für die meisten Bürger steht fest: Ab September werden wir eine schwarz-gelbe Bundesregierung haben.
Jetzt kommt aber doch irgendwie alles anders. Alle verspielen - scheinbar mutwillig - ihre Chancen.
Der Wahlkampf wurde ausgerufen. Hinzu kam eine neue Partei namens „Die Linke“ mit Oskar Lafontaine an der Spitze. Kann das für die beiden Volksparteien SPD und CDU ungemütlich werden? Nein, eine wirkliche Bedrohung ist die neue Linkspartei nicht. Vielmehr sollte sich die SPD über die Neugründung freuen. Wäre es nicht möglich, dass sich das Gefürchtete bewahrheitet und die SPD nur an der Macht bleiben könnte, wenn sie mit der Linken eine rot-rote Koalition bilden würde?
Obwohl: Die Grünen haben uns sieben Jahre lang in Sturm und Regen beigestanden, lassen wir also Joschka und seine Freunde auch noch mitmachen. Eine rot-rot-grüne Koalition wäre ja auch wesentlich farbenfroher. Noch farbenreicher aber wäre eine rot-gelb-grüne Koalition. Wir könnten also doch auf Oskarchen pfeifen und die FDP bei unserem bunten Farbenspiel mitmachen lassen.
Aber das sind doch alles nur unrealistische Spielereien. Nein, eine große Koalition, das ist das angestrebte Ziel. Wie aber soll der Wähler diesen letzten Vorschlag der SPD verstehen? Soll diese Verbrüderung mit ihrem jetzigen ärgsten Gegner bedeuten, dass die SPD kurz vor der Wahl ihre eigenen Fehler eingesteht und das Lager wechselt?
Doch wen interessieren eigentlich die Pläne der SPD? Es gibt doch wirklich wichtigere Parteien und vor allem wichtigere Politiker. Ja, die Rede ist von Edmund Stoiber. Der will nämlich auch mitmachen. Pünktlich zum Wahlkampf kommt er aus seinem Bayern gekrochen und meint mitmischen zu müssen. Er kommt anscheinend nicht über die Tatsache hinweg, dass ein Ministerpräsident aus Bayern an der Spitze der Bundespolitik einfach keine Chance hat! Franz Joseph Strauß hat es 1980 auch versucht und ist kläglich gescheitert. Und warum sonst hat die CDU 2002 die Wahl verloren? Weil wir Schröder so gerne mochten und unbedingt mehr Arbeitslose haben wollten?! Nein, die CDU hatte einfach den falschen Spitzenkandidaten!
Nun gut, da Herr Stoiber unbedingt mitspielen, ihn aber niemand mehr lassen will, versucht er es auf die Schnöseltour und beleidigt die ostdeutschen Wähler wie z. B. am 10. August. Er gab zu verstehen, dass er nicht akzeptiere, „dass der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird. Die Frustrierten dürfen nicht über Deutschlands Zukunft bestimmen.“ Man versucht halt mit allen Mitteln Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und nicht, dass er dadurch mal wieder das Thema der Ost-West-Problematik nötigt, das anscheinend immer wieder her halten muss, nein, er verspielt der CDU auch noch ihre Chancen auf ein alleiniges Regieren. Hatte die CDU kurz nach dem Ausruf der Neuwahlen bei der Sonntagsfrage noch 49 Prozent der Wählerstimmen erreicht und damit eine absolute Mehrheit fast sicher, so liegt sie mittlerweile nur noch bei 42 Prozent.
Dies war aber nur der Auftakt, denn die eigentliche Show beginnt ja erst noch. Am 3. September soll es ein TV-Duell zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel geben. Entsprechend der derzeitigen Planung soll es nicht so streng ablaufen wie bei der letzten Wahl. Diesmal soll es einen richtigen Kampf aus schlagenden Argumenten und niederschmetternder Rhetorik zwischen den beiden Rivalen geben. Ring frei für den Kanzler und seine Herausforderin.
Aber nicht, dass uns dieses eine Duell zwischen Schröder und Merkel genug wäre. Nein, um die Show perfekt zu machen, sollte es ein weiteres Streitgespräch zwischen Herrn Stoiber und Herrn Lafontaine geben, damit diese beiden wichtigen Persönlichkeiten auch nicht übergangen werden. Wir leben ja in einer Demokratie. Dieses Duell wurde dann aber leider abgesagt. Stattdessen wird es nun eine inhaltliche Auseinandersetzung via Zeitung geben. Wie langweilig. Denn wen interessieren fünf Millionen Arbeitslose, wenn wir zusehen dürfen, wie sich hoch gebildete Politiker gegenseitig an den Haaren ziehen?!
Aber am Ende wird es doch so sein: Wir haben uns alle köstlich über das lächerliche Verhalten unserer deutschen Größen amüsiert, haben uns gut unterhalten gefühlt, weil die Show wirklich einwandfrei war. Doch im September werden wir dann in der Wahlkabine stehen und trotzdem nicht wissen, bei wem wir unser Kreuzchen machen sollen. Denn überzeugen wird uns dieser Wahlkampf nicht.
Wahrscheinlich wird die ganze Aufregung sowieso für die Katz sein. Denn wenn das Bundesverfassungsgericht sich gegen die Neuwahlen entscheidet, dann dürfen alle Parteien die Streitereien der letzten Wochen vergessen, ihre Wahlplakate wieder einsammeln und sich einigermaßen wichtigen Themen widmen, wie z. B. den Problemen auf dem Arbeitsmarkt.
Dann schließen wir eben vorübergehend Waffenstillstand und holen pünktlich in einem Jahr die gleichen Werbeplakate wieder raus, um da weiter zu machen, wo wir aufgehört haben.
Stört doch keinen.
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