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Das Einmaleins der Kurzgeschichte - Teil 1


08.06.2007 (P. Laux) Kategorie: Kultur

Bild: www.essentialart.com

Kurz ist nicht gleich Kurz

Die literarische Prosaform der Kurzgeschichte haben viele berühmte Autoren genutzt. Sie entstand in der angloamerikanischen Literatur unter dem Begriff „short story“ mit berühmten Vertretern wie Ernest Hemingway und Truman Capote. In Deutschland haben besonders nach dem Zweiten Weltkrieg viele Autoren mit dieser speziellen Form der Kurzprosa gearbeitet, so zum Beispiel Heinrich Böll und Siegfried Lenz. Auch heutzutage erfreut sich die Kurzgeschichte wieder großer Beliebtheit und wird zunehmend auch von Laien als literarische Form der Bearbeitung von Themen benutzt.

Dabei kann der Begriff Kurzgeschichte besonders für letztere Gruppe trügerisch sein. Der Name sagt es zwar schon: Eine Kurzgeschichte ist kurz. Das heißt jedoch nicht, dass die Produktion derselben deshalb schnell und leicht vonstatten geht. „Eine Kurzgeschichte ist eine Geschichte, an der man sehr lange arbeiten muss, bis sie kurz ist.“ Das sagte einst der spanische Lyriker Vicente Aleixandre. Er spielt darauf an, dass zum Schreiben einer Kurzgeschichte einiges an literarischem Handwerkszeug erforderlich ist. Sie schreibt sich nicht selbstverständlich und in einem Rutsch direkt von der Hand. Es gibt jedoch einige Regeln und Techniken, die es auch dem Laien ermöglichen, schlüssige Kurzgeschichten zu verfassen, sofern er sich an sie hält.

Aristoteles und der Zahn der Zeit

Wenn es heißt eine Kurzgeschichte sei kurz, dann ist damit nicht eine bestimmte Vorgabe hinsichtlich der Wortzahl verbunden. Eine einheitlich anerkannte, klare Definition der Literaturform existiert nicht. Im Allgemeinen gilt jedoch, dass eine Kurzgeschichte in einem Akt gelesen werden kann, ohne dass eine Pause eingelegt werden muss. Sie wirkt im Ganzen auf den Leser. Das bedeutet einen wichtigen Unterschied und in mancher Hinsicht einen Vorteil im Vergleich zum Roman, den sich angehende (Kurzgeschichten-) Autoren bewusst machen sollten.

Zugleich birgt die Kürze aber große Schwierigkeiten für den Schriftsteller. Während er in einem Roman mit sich langsam vollziehenden Grundstimmungswechseln arbeiten kann, kämen solche in einer Kurzgeschichte abrupt. Auch wenn sie gewollt sind, besteht dann die Gefahr, dass der Text nicht schlüssig wirkt. Deshalb sollte der Autor auf sie verzichten. Edgar Allan Poe hat diese Eigenschaft der Kurzgeschichte „effect of unity“ genannt.

Auch hinsichtlich des Handlungsaufbaus, der erzählten Zeit und des dargestellten Orts diktiert die Länge bestimmte Eigenschaften der Kurzgeschichte. In einem Roman ist es möglich und üblich, mehrere Handlungsstränge in die Geschichte einzuweben. Sprünge in der Zeit und Ortswechsel sind ebenfalls Mittel, die eingesetzt werden können. Das ist auch in Kurzgeschichten prinzipiell möglich, aber höchst problematisch und nur schwer auf schlüssige Art und Weise umzusetzen. Eher lassen sich die Regeln von der Einheit der Zeit und des Orts, die Aristoteles in seiner Dramentheorie entwickelt hat, auf die Kurzgeschichte übertragen.

Von Einstiegen und Eisbergen

Ihre Struktur ist außerdem oft durch einen direkten Einstieg ins Geschehnis geprägt. Mit einer ausschweifenden Exposition zu beginnen, ist bei der Kürze wenig sinnvoll. Ideal ist vielmehr eine Einleitung, die sofort das Interesse des Lesers weckt. Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Das Brot“ beginnt beispielsweise mit den Sätzen „Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still.“ Hier wird der Leser direkt ins Handlungsgeschehen gezogen. Der Schluss einer Kurzgeschichte ist zumeist offen oder mit einer überraschenden Wende versehen.

Des Weiteren gilt, dass in eine Kurzgeschichte nur das Nötigste aufgenommen werden sollte. Sprachlicher „Ballast“, Worthülsen und Füllwörter lesen sich auch im Roman nicht schön. Für eine Kurzgeschichte sind sie jedoch besonders problematisch. Von Hemingway stammt die bekannte Metapher von der Kurzgeschichte als Eisberg: Nur ein kleiner Teil befindet sich über dem Wasser, der Rest liegt unter der Oberfläche. Das heißt, dass es sinnvoll ist, mit Techniken der Verdichtung zu arbeiten. Während der geschriebene Text, bildlich die „Spitze des Eisbergs“, kurz ist, kann mit Aussparungen, Bildern und Metaphern sowie anderen sprachlichen Mitteln und Andeutungen auf das unter der Oberfläche Verborgene verwiesen werden. Die Verwendung sprachlicher Mittel und Ausdrücke, die Mehrdeutigkeit erzeugen, ist ebenfalls eine wichtige Technik für das Schreiben einer Kurzgeschichte.

Das alles bedeutet für ihren Autor zugleich, dass er auch den Teil des Eisbergs kennen sollte, der unter der Wasseroberfläche liegt. Eine wirklich schlüssige Kurzgeschichte kann oft nur entstehen, wenn der Schriftsteller alle Details seiner Handlung und seiner Protagonisten kennt, auch wenn sie in der Geschichte gar nicht vorkommen.

Das war der erste Teil des „Einmaleins der Kurzgeschichte“, in dem einige Bemerkungen über ihre Struktur und Sprache angeführt worden sind. Im nächsten Teil werden die Charaktere, Erzählperspektiven und schließlich die Themensuche diskutiert.



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