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Die massenhaften Dopinggeständnisse ehemaliger Radrennprofis in den letzten Wochen haben die Sportwelt ein weiteres Mal erschüttert. Die Frage nach der Zukunft des Radsports beschäftigt nun Medien, Politik, Funktionäre und die Sportler selbst.
Hat eine Sportart in der über so lange Zeit systematisch betrogen und gelogen wurde überhaupt eine Zukunft? Inwieweit hat sich das Geschehen inzwischen verändert?
Sport ist mittlerweile viel mehr, als der bloße Wettkampf verschiedener Sportler. Ein so verschachteltes System aus Akteuren, Teams, Verbänden, Sponsoren, Medizinern, Politikern und Medien muss auf eine solche Erschütterung auf verschiedenen Ebenen reagieren. Life-Go fasst die ersten Reaktionen, mögliche und sichere Konsequenzen zusammen.
Keine Konsequenzen für die Akteure
Die scheinbar logischste und erste Konsequenz wäre gewesen, alle betroffenen, ehemaligen und aktiven Radfahrer von ihren derzeitigen Aufgaben im Radsport zu entbinden. Das Gegenteil ist passiert: Die drei prominentesten Akteure sind alle auch weiterhin im und um den Radsport aktiv.
Rolf Aldag, ehemaliger Dopingsünder und aktuell sportlicher Leiter des deutschen T-Mobile-Teams, wird auch weiterhin die sportlichen Entscheidungen beim Team in Magenta treffen. T-Mobile-Teammanager Bob Stapleton sieht gerade wegen Aldags dunkler Vergangenheit in ihm den richtigen Mann im Kampf gegen Doping: „Rolf hat großartige Arbeit geleistet. Ich habe mit dem Team gesprochen und viele haben gesagt, Aldag sei der Grund, warum sie für uns fahren“, so der US-Amerikaner. Rolf Aldag selbst hatte zwar seinen Rücktritt angeboten, sieht sich aber nun in seiner Mission als sportlicher Leiter bestätigt.
Auch Bjarne Riis, der bislang einzige Sieger der Tour de France, der kontinuierliches Doping zugegeben hat, will im Amt bleiben. Der Däne ist momentan sportlicher Leiter des CSC-Teams, für das unter anderem auch der deutsche Jens Voigt fährt.
Der noch aktive deutsche Sprinter Erik Zabel wird zumindest bis Ende dieses Jahres weiter für das Milram-Team fahren. Ob darüber hinaus der bis Ende 2008 laufende Vertag erfüllt wird, wird die Milram-Teamleitung erst im Dezember 2007 entscheiden. „Wir haben mit Erik Zabel sehr eindringlich gesprochen und ihm deutlich gemacht, dass wir sein Dopingvergehen und die lange Zeit des Schweigens ausdrücklich missbilligen. Erik Zabel hat uns aber glaubhaft versichert, dass dieser Vorfall ein Einzelfall war“, erklärte das Team seine Entscheidung in einer Pressemitteilung.
Die Reaktionen des Umfelds
Andere Sponsoren hingegen haben aus den Vorfällen Konsequenzen gezogen. Das Unternehmen Wiesenhof, dessen Team nach T-Mobile und Gerolsteiner als dritte Kraft in Deutschland gilt, zieht sich aus dem Radsport zurück. Das Sponsoren-Engagement der PHW-Gruppe/Wiesenhof wird zum Ende des Jahres vollständig eingestellt.
Auch der Münchner Lkw-Hersteller MAN (Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG) hat seine Zusammenarbeit mit dem dänischen CSC-Team von Bjarne Riis gekündigt. Das Unternehmen betrachte den Profiradsport nicht länger als geeignete Marketing-Plattform, hieß es aus der Konzernzentrale.
Die Universität Freiburg, die unter anderem die sportmedizinische Betreuung des Telekom-Teams in den 90er Jahren übernommen hatte, hat mit drastischen Konsequenzen auf die Geständnisse reagiert. Die Hochschule stellt mit sofortiger Wirkung die sportärztliche Versorgung von aktuell 1.500 Spitzensportlern ein.
Des Weiteren sind die beiden Freiburger Ärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich fristlos entlassen worden. Sie hatten nach wiederholten Anschuldigungen zugegeben, in den 90er Jahren die Telekom-Fahrer in ihrer Funktion als Teamärzte mit dem Dopingmittel EPO (Erythropoetin) versorgt zu haben.
Eine Untersuchungskommission der Universität soll nun die gesamte Freiburger Sportmedizin der letzten 20 Jahre überprüfen, und möglicherweise sogar deren Auflösung beantragen.
Politiker und Funktionäre fordern rund um den Radsport ähnlich konsequente Maßnahmen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einem „unvorstellbaren Ausmaß systematischer Manipulation“ und forderte dazu auf, „nun reinen Tisch zu machen, um dem Sport die Chance auf einen sauberen Neustart zu geben“.
Gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) will das für Sport zuständige Innenministerium einen Katalog von Regelungen und Gesetzen entwerfen, die Doping in Deutschland zukünftig weiter einschränken. DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach sprach auch im Hinblick auf Olympia 2008 von einer „Null-Toleranz-Politik“.
Auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat bereits reagiert und den unter Verdacht auf Anstiftung zum Doping stehenden Bundestrainer Peter Weibel bis auf weiteres suspendiert.
Eine der spannendsten Fragen der nahen Zukunft wird sein, wie die Medien, insbesondere die mit einem Programmauftrag ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nun mit dem Thema Radsport umgehen. So plant das ZDF derzeit eine Ausstiegsklausel im Vertag zur Übertragung der diesjährigen Tour de France. Danach kann der Sender die Übertragungen jederzeit abbrechen, wenn neue Dopingfälle bekannt werden sollten.
Eine ähnliche Regelung fordert SWR-Intendant Peter Boudgoust auch für die ARD, die das Telekom-Team in der Zeit des systematischen Dopings sogar gesponsert hatte. Außerdem wird es zukünftig keine ehemaligen Profis mehr als Co-Kommentatoren geben. Letztes Jahr hatte der mittlerweile geständige Rolf Aldag die Tour noch für das ZDF kommentiert.
Einer der wenigen deutschen Beschuldigten, der nach wie vor schweigt, ist Jan Ullrich. Auf seiner Homepage erklärte sein Manager Wolfgang Strohband es werde von Jan Ullrich auch in Zukunft kein Geständnis geben. In Pressemitteilungen weist der ehemalige Tour de France-Sieger immer wieder auf die einseitige Berichterstattung und die Widersprüchlichkeit der Anschuldigungen hin. Jan Ullrichs Anwalt und er gehen mittlerweile getrennte Wege. Wer von beiden das Arbeitsverhältnis beendet hat, ist unklar. Ullrich-Manager Strohband erklärte sowohl in der Bild-Zeitung, als auch gegenüber Spiegel-Online, dass der ehemalige Radprofi seinem Anwalt Peter-Michael Diestel das Mandat entzogen habe. Dieser behauptet jedoch, er habe das Mandat von sich aus niedergelegt.
Das Ende des Radsports in Deutschland?
Insgesamt muss bezweifelt werden, ob auch die internationale Radsportszene schon für einen „sauberen Neustart“ bereit ist. Denn eins ist klar: Wenn nur die deutschen Teams an einem Strang ziehen, dann wird Deutschland zukünftig nur noch ehrliche, aber international chancenlose Verlierer produzieren, was einem Ende des deutschen Radsports gleichkäme. Die ausländische Presse reagiert im Bezug auf die eigenen Fahrer im Moment noch sehr zurückhaltend.
Auch die Medien werden eine entscheidende Rolle in der Zukunftsfrage spielen. Ziehen sie sich tatsächlich zurück, verlieren die Sponsoren in Deutschland das Interesse. Auch in diesem Fall wäre das Ende des professionellen Radsports in Deutschland wohl besiegelt, der dann nicht mehr finanziert werden könnte. Ob eine Rettung noch möglich ist, bleibt abzuwarten. Falls nicht, haben einige Radsportler großen Anteil daran.
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