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Deutschland ade - Die Auswandersehnsucht der Deutschen


10.06.2007 (S. Petersohn) Kategorie: Wirtschaft

Bild: europa.eu

Die Deutschen machen es sich nicht leicht mit dem Glücklichsein. Trotz des sich langsam manifestierenden Wirtschaftsaufschwungs, empfinden viele Menschen ihre persönliche Situation auf dem Arbeitsmarkt als sehr unbefriedigend. Sie sehen ihr Heimatland nicht mehr als den Ort, an dem sie ihre individuelle Lebensplanung und Träume verwirklichen können.

Im Auswanderer-Bllog des Manager-Magazins ist zu lesen, dass einige bereits mental „auf gepackten Koffern sitzen“. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa ergab, dass ca. 40 Prozent der Deutschen mit dem Gedanken spielen, einmal auszuwandern.

Den großen Schritt in die Ferne wagten im vergangenen Jahr fast 150.000 Menschen. Es sind jedoch nicht nur Akademiker, die im Ausland oft bessere Karrierechancen vorfinden und ihrem Heimatland zeitweilig oder für immer den Rücken kehren. Auch Arbeitnehmer aus dem Dienstleistungsbereich oder dem Handwerk, nutzen immer öfter die Chance einen Neustart in einem fremden Land zu wagen.

Die Motivation dazu hat meistens einen wirtschaftlichen Hintergrund. Die Auswanderungswilligen versprechen sich bessere Arbeitsbedingungen, einen leistungsbezogenen Verdienst und einen höheren Lebensstandard. Doch auch die Sehnsucht nach Sonne, einer anderen Mentalität oder persönliche Schicksalsschläge fließen in die Entscheidung Deutschland zu verlassen mit ein.

Es muss allerdings nicht gleich der Sprung über den großen Teich nach Amerika sein. Fast jeder Zweite findet schon in Europa, in Großbritannien, Frankreich oder Österreich, eine neue berufliche Heimat. Bei den europäischen Nachbarn reizen attraktive Jobangebote, ausreichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten oder weniger Regulierung für Selbstständige und ihre Unternehmen.

Ein besseres Image von Köchen, Zimmermädchen und Kellnern mag dafür ausschlaggebend sein, dass die schweizerische Gastronomie eine hohe Anziehungskraft auf geringer qualifizierte Arbeitnehmer ausübt. Die Deutschen stellen mittlerweile die größte Gruppe der Einwanderer in der Schweiz dar. Von Mai 2005 bis April 2006 sind rund 13.000 Bundesrepublikaner dorthin ausgewandert.

Neue Stellen im Finanzsektor, in der Industrie und im Handwerk sind schnell gefunden. Im Gesundheitswesen sind die Deutschen mit ihrer guten Ausbildung unentbehrlich. Im renommierten Berner Inselspital, besteht bereits ein Drittel der Ärztebelegschaft aus Deutschen. Im Ausland werden höher qualifizierte deutsche Arbeitnehmer „mit Kusshand“ genommen und explizit angeworben, wie auf den Internetseiten australischer und norwegischer Botschaften zu lesen ist.

Im Jahr 2005 wies die Statistik zur Bevölkerungsentwicklung die höchste Zahl an deutschen Auswanderern seit der Nachkriegszeit aus. Dennoch stellen sie insgesamt nur zwei Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung dar. Großbritannien verliert dagegen jährlich etwa zwei Millionen Briten ans Ausland, was dort bereits drei Prozent der 60 Millionen britischen Einwohner ausmacht.

Dennoch stellt der Wunsch oder die tatsächliche Realisierung des Auswanderns, immer ein Misstrauensvotum an die Bundesrepublik dar. Ins Ausland zu gehen erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Der typische Auswanderer hat eine fundierte Ausbildung in Deutschland genossen, ist handwerklich-technischer Facharbeiter oder Akademiker und zwischen 25 und 45 Jahre alt. Die Rendite ihrer Ausbildung, fließt nun anderen Ländern zu und nicht dem deutschen Staat, der ursprünglich aus diesem Grund in die Bildung investiert. Migrationsexperten sprechen vom so genannten „brain drain“, der durch Zuwanderung nicht hinreichend ausgeglichen werden kann.

„Wer kommt, ist meistens arm, ungelernt und wenig gebildet“, sagt Stefanie Wahl vom Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft. Der für die deutsche Volkswirtschaft entstehende Schaden ist nicht konkret bezifferbar, doch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sind die Konsequenzen des Auswanderns für den Arbeitsmarkt bedrohlich. Die Problematik, dass immer weniger junge, hoch qualifizierte Arbeitnehmer die Kosten für die Altersvorsorge und das Gesundheitssystem für eine wachsende Anzahl von älteren Menschen übernehmen müssen, wird dadurch verstärkt.

Es gilt also, die Auswanderungsbewegung nicht unbeachtet zu lassen, auch wenn es sich nach wie vor nicht um ein Massenphänomen handelt. Sie ist als Einschätzung einer Vielzahl von Deutschen als Lage der Nation wahrzunehmen. Die Auswanderung hat jedoch letztendlich einen zyklischen Charakter. Gewinnt der wirtschaftliche Aufschwung an Eigendynamik, die auch für den Arbeitnehmer spürbar ist und greifen die begonnenen Reformen der Sozial- und Bildungssysteme, so ist ein Grundstein dafür gelegt, dass die Bundesrepublik als Lebensstandort an Attraktivität gewinnt. So können sich Träume auch hierzulande wieder verwirklichen lassen.



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