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„Nicht mehr und nicht weniger“ - Die deutsche Öffentlichkeit und Doping


17.06.2007 (M. Lüttgemann) Kategorie: Sport

Bild: www.adpic.de

Die Tour de France war seit den ersten Erfolgen des Team Telekom der Deutschen liebstes Kind in der fußballfreien Zeit. Jedes Jahr wurde schon im Januar über Jan Ullrichs körperlichen Zustand diskutiert und gerätselt, ob Lance Armstrong endlich zu schlagen sei. Im Sommer dann fieberten sie, ob Erik Zabels Endgeschwindigkeit für den Sprintsieg reichen würde, bewunderten die mutigen Ausreißversuche Jens Voigts und ärgerten sich, wenn die Verfolger an Jan Ullrichs Hinterrad hingen, anstatt mit ihm gemeinsam Jagd auf Lance Armstrong zu machen. Dass es Doping im Radsport gab, war bekannt, doch selbst die Fälle bekannter Athleten wie Tyler Hamilton oder Richard Virenque beeinträchtigten die Begeisterung kaum – es waren stets „die anderen“, die dopten.

Erste Zweifel kamen auf, als Jan Ullrich 2002 positiv auf Amphetamine getestet wurde. Er erklärte das mit der Einnahme von „Pillen“ in einer Diskothek. Das Team Telekom suspendierte ihn, die Öffentlichkeit aber verzieh schnell, tauschte für ein Jahr die magentafarbenen gegen mintfarbene Bianchi-Mützen und freute sich über den zweiten Platz bei der Tour 2003.

Erst als Jan Ullrich kurz vor der Tour de France 2006 mit dem Arzt Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht wurde, der Ermittlungen spanischer Behörden zufolge diversen Spitzenfahrern zur illegalen Leistungssteigerung verholfen hatte, kippte die Stimmung. Bei Fuentes waren Blutbeutel gefunden worden, deren Beschriftung darauf hinwies, dass es sich um Ullrichs Blut handelt. Der Fund von Ullrichs Blut beim „Doping-Arzt“ legte den Schluss nahe, dass er dopte, doch es gab keinen positiven Test, der die Anschuldigungen hätte belegen können. So konnte bis Ende April 2007 jeder glauben, Ullrich sei derart talentiert, dass er jahrelang seinen gedopten Konkurrenten davonfuhr und lediglich von einem stets unter Verdacht stehenden Amerikaner geschlagen wurde.

Das fragile Gebilde, basierend auf einer Mixtur aus Unschuldsvermutung und Blauäugigkeit, brach am 30. April 2007 endgültig zusammen, als der Spiegel Auszüge aus dem Buch des ehemaligen Masseurs Jef d’Hont druckte. D’Hont berichtete detailliert über Dopingpraktiken im Team Telekom Mitte der 90er Jahre. Einige von Ullrichs früheren Kollegen gestanden daraufhin die Einnahme von Epo (Erythropoetin), entweder emotionslos wie Rolf Aldag und Udo Bölts, den Tränen nahe wie Erik Zabel oder aalglatt wie Bjarne Riis.

Radsport, das ist endgültig im öffentlichen Bewusstsein angekommen, ist eine dopinggeplagte Sportart, und ja, auch die wackeren Telekom-Fahrer, die sich jahrelang über Generalverurteilungen geärgert haben, haben genauso gedopt wie die anderen auch. Erstaunlich aber ist im Zusammenhang mit der aktuellen Dopingdiskussion, dass sie auf den Radsport isoliert bleibt. Rolf Aldag sagte auf der Pressekonferenz, auf der er den Epo-Missbrauch eingestand, dass diese Art von Doping so attraktiv gewesen sei, weil sie bis Ende der 90er Jahre nicht nachweisbar war. Drohen nun weitere Enthüllungen über deutsche Sportler und systematisches Doping, vor allem in den Ausdauersportarten, in denen Epo und Eigenblutdoping eine rasche Leistungssteigerung versprechen?

Doping im Skilanglauf

So kommt beispielsweise der nordische Skisport seit den Langlaufweltmeisterschaften von Lahti 2001 nicht mehr zur Ruhe. Dort wurden gleich sechs finnische Langläufer des Dopings überführt, darunter der Weltmeister und Olympiasieger Mika Myllylä. Bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City 2002 wurde dem dreifachen Goldmedaillengewinner Johann Mühlegg, einem für Spanien startenden gebürtigen Deutschen, der Gebrauch eines Epo-Derivats nachgewiesen. Er klagte gegen das seiner Meinung nach unzulässige Testverfahren, verlor aber sowohl das Verfahren als auch all seine Medaillen aus Salt Lake City.

Die nächsten Zwischenfälle folgten 2006 in Turin. Im Haus der österreichischen Biathleten wurden Utensilien gefunden, die zum Eigenblutdoping verwendet werden können. Den Dopingverdacht erhärteten die Athleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann dadurch, dass sie überstürzt ihr Quartier verließen und nach Österreich abreisten. Einige Mitglieder des österreichischen Teams sind nach diesen Ereignissen lebenslang für olympische Spiele gesperrt. Der österreichische Skiverband hat, nachdem er seine Athleten zunächst verteidigt hatte, eingestanden, dass einige Athleten offensichtlich Blutdoping betrieben haben.

Und die Deutschen? Der deutsche Langlauftrainer Jochen Behle war überaus erregt über die Geschehnisse rund um das österreichische Team. Allerdings nicht über die offensichtlichen Dopingpraktiken der Konkurrenten, sondern über das Vorgehen der italienischen Polizei, die die Durchsuchung nicht angemeldet hatte. Behle war auf das Thema Doping in den Tagen von Turin sowieso nicht gut zu sprechen. Seine Läuferin Evi Sachenbacher-Stehle war für ein Rennen gesperrt, da ihr Hämoglobinwert den Grenzwert überschritten hatte. Auch wenn solche Überschreitungen ebenso natürliche Ursachen haben können – ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

Es fällt schwer zu unterscheiden, wo eine Häufung von Einzelfällen vorliegt und wo die Indizien flächendeckendes Doping in einer Sportart nahe legen. Im nordischen Skisport scheint die Grenze überschritten. So zeigt der „Fall Österreich“ in Turin Probleme auf, wie es sie auch im Radsport gibt. Zum einen dopen selbst Athleten, die nicht zur absoluten Weltspitze zählen. Wie verhält es sich dann erst mit der Weltspitze? Hier wird Skepsis gegenüber sportlichen Topleistungen zur Normalität. Sie wird beinahe zwangsläufig, wenn man sich rational mit dem Thema auseinandersetzt.

Zum anderen gibt es im nordischen Skisport mangelnde Sensibilität der Verantwortlichen im Umgang mit Doping. Sowohl die ersten Reaktionen des österreichischen Verbandes als auch die Behles zeigen, dass der Dopingbekämpfer als Feind des Sportlers und nicht als Verbündeter angesehen wird. Ähnliche Verhaltensmuster finden sich im Radsport.

Die mediale Öffentlichkeit verhält sich merkwürdig still in Bezug auf Doping im Wintersport. Es besteht offenbar ein Zusammenhang zwischen der Popularität einer Sportart und der Bereitschaft, die deutschen Erfolge nicht allzu kritisch zu hinterfragen, wo doch die Hinterherläufer Perner und Rottmann des modernen und aufwändigen Blutdopings überführt sind. Die Winterboomsportart Biathlon füllt mittlerweile die Gelsenkirchner Fußballarena und wird von Millionen Fernsehzuschauern verfolgt. Das Interesse, den Boom mit allzu kritischen Recherchen aufzuhalten, scheint gering.

Als Jan Ullrich am Tag seines Rücktritts in der Talkshow von Reinhold Beckmann zu Gast war, wurde er gefragt, wie dopingverseucht der Radsport denn wirklich sei. Ullrich schwieg lange. „Nicht mehr und nicht weniger als alle anderen Sportarten“, sagte er schließlich. Es bleibt zu hoffen, dass Ullrich sich irrt. Doch wie das Beispiel nordischer Skisport zeigt, scheint er vermutlich Recht zu haben.



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