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Die Kernenergie im klimafreundlichen Gewand - Ein Wolf im Schafspelz?


20.06.2007 (S. Petersohn) Kategorie: Wissenschaft

Bild: www.castor.de

Die Debatte um den Klimawandel gibt den Befürwortern der Nutzung von Kernenergie neuen Aufwind. Der vom 26. April bis 3. Mai 2007 tagende Weltklimarat IPCC (International Panel on Climate Change) gab in seinem neuen Klimabericht unter anderem die Empfehlung heraus, die Kernenergie als „saubere“ Alternative zu fossilen Energieträgern verstärkt in Betracht zu ziehen.

Der IPCC ist ein Forum, auf dem die neuesten Erkenntnisse der Forschung zum Thema Klimawandel sowie Strategien zu dessen Eindämmung gesammelt und gebündelt werden. Sie werden dann den internationalen Regierungen zugeleitet, um idealerweise in politischen Programmen ihre Wirkung zu entfalten. Trotz der Kritik wegen möglichen Einflüssen von starken Lobbygruppen auf die erstellten Berichte spielt die wissenschaftliche Autorität des IPCC eine bedeutende Rolle in der Klimapolitik.

Die Sachverständigenberichte des Weltklimarates stellen oft eine wirkungsvolle Legitimationsgrundlage für die politisch Handelnden dar. So ist es nicht verwunderlich, dass Wirtschaftsminister Michael Glos und mittlerweile auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder verstärkt die Werbetrommel für den „Ausstieg aus dem Ausstieg“ rühren.

Die Atomkraftlobby greift nicht nur zu rhetorischen Mitteln, sondern zieht auch die Statistik als Begründung für den Ausbau des „sauberen“ Energieträgers Kernenergie heran. Deutschlands CO2-Emissionen werden laut Hochrechnungen bis 2020 um 7 % gegenüber den Werten von 2005 ansteigen und so das Reduktionsziel von 30 % weit verfehlen. Grund dafür sei die Stilllegung von Atomkraftwerken, deren Kapazitäten durch Kohlekraftwerke ersetzt werden müssten.

Laut der Studie des Managementberaterunternehmens A.T. Kearney könne die EU ihre CO2-Emissionen bis 2020 selbst dann nicht um die geplanten 20 % verringern, wenn Deutschland nicht aus der Atomkraft aussteigen würde, es einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien gäbe und eine Effizienzsteigerung vorhandener Kohlekraftwerke vorläge. Der Schluss, die Nutzung von Kernenergie weiter auszubauen, um die drohenden Folgen des Klimawandels abzuschwächen und den Energiebedarf der Weltwirtschaften zu decken, liegt somit nahe.

Während in Deutschland dabei noch debattiert wird, schreiten andere Nationen bereits zur Tat. Allen voran strebt die Volksrepublik China danach, sich ausreichend mit Uran zu versorgen, um den Energiehunger seiner aufstrebenden Wirtschaft zu stillen und seine Atomkraftkapazitäten beträchtlich auszuweiten. Das Land hat eine Liefervereinbarung mit Australien abgeschlossen, wo sich rund 40 % der Welt-Uranreserven befinden, und möchte damit schrittweise strategische Uranreserven aufbauen.

Kritiker, die behaupten, dass die Uranreserven für eine verstärkte Nutzung der Kernenergie gar nicht ausreichen, müssen sich eines Besseren belehren lassen. Im Gegensatz zum Erdöl besitze der Rohstoff Uran nach Expertenmeinung insbesondere in Kasachstan, Kanada, Australien, Namibia, Südafrika, Russland und China große Vorräte. Zudem gebe es noch zahlreiche unerschlossene Vorkommen.

Damit scheinen alle Bedenken aus dem Wege geräumt zu sein: Die Atomkraft als vermeintlich sicherer und sauberer Ausweg aus der Klimakrise. Was jedoch bleibt, ist das Risiko einer Sicherheitslücke, welche die Nutzung von Kernenergie zu einer schmalen Gratwanderung zwischen Super-GAU und Klimaschutzmaßnahme werden lässt. Die knappe Verhinderung einer Kernschmelze bei einem schweren Reaktorunfall in Schweden im Sommer 2006 macht nur allzu deutlich, dass die Gefahr trotz hoher westlicher Sicherheitsstandards auch nach Tschernobyl allgegenwärtig ist.

Steigende Temperaturen, die eine Kühlung der Reaktoren durch Flusswasser erschweren, und die terroristische Bedrohung sind weitere Aspekte, welche eine Nutzung von Atomkraft als Ausweg fraglich erscheinen lassen. Die Unsicherheit gegenüber den Ausmaßen des Klimawandels mit der Unsicherheit bezüglich der Sicherheit von Kernenergie zu ersetzen, gleicht dem Versuch, ein Übel durch ein weiteres zu bekämpfen.

Es wäre daher ratsam, den von der Klimadebatte erhitzten Kopf vorerst abzukühlen und die Augen nach alternativen Lösungen offen zu halten!

Diskussionseinladung: Wie stehen Sie zur Nutzung von Kernenergie im Kontext der Klimadebatte? Schreiben Sie Ihre Meinung ins Life-Go-Forum!



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