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9Live - Skandal um den „Hot Button“


30.06.2007 (J. Rohrbach) Kategorie: Panorama

Bild: www.jaydio-presse.de

„Heute ist mein Tag“ – das ist der Spruch, mit dem der Sender 9Live um Mitspieler bei seinen Quizshows wirbt. Er bietet seinen Zuschauern Fernsehen zum Mitmachen rund um die Uhr und lockt mit vermeintlichen Geldgewinnen. Dazu müssen sie lediglich zum Telefonhörer greifen und anrufen. Doch statt Geld zu gewinnen, geben die Anrufer meist mehr aus, als sie erhalten. Folgender, kürzlich im Internet erschienener, Mitschnitt aus einer Sendung verdeutlicht das:

Anruferin: „Ach Gott, ich habe heute Mittag schon 300 mal angerufen.“
Moderator: „Bitte was?“
Anruferin: „Man kommt nicht rein. 3.100 Euro“
Moderator: „Haben Sie gewonnen?“
Anruferin: „Nein, Telefonkosten.“
Moderator: „Also, entweder Sie machen was falsch oder ich.“


Doch was der scheinbar besorgte Moderator hier als Ausnahmefall darstellt, ist beabsichtigt. Der Anrufer zahlt pro Anruf aus dem deutschen Festnetz satte 50 Cent. Dabei spielt es keine Rolle, ob er durchkommt oder nicht.

Laut den Spielregeln der Landesmedienanstalten darf „die Aufforderung zum Mitmachen keinen besonderen Anreiz zu wiederholtem Anrufen enthalten“. Genau hiergegen jedoch verstößt 9Live. Wiederholtes Anrufen wird gewünscht, was folgender Mitschnitt beweist: „Selbst, wenn Sie es jetzt 3-, 4-, 10- oder 15-mal probieren sollten: Jeder Anruf kann der richtige sein. Jeder Anruf kann hier eine Leitung treffen.“

Der so genannte „Hot Button“ wird bei den Gewinnspielen auf 9Live eingesetzt. Es handelt sich hierbei um einen angeblichen Zufallsgenerator, der die Anrufer auswählt, die in die Leitung kommen sollen. Er suggeriert dem Zuschauer, dass jeden Moment ein Anrufer zugestellt werden könnte und verleitet so zum Anrufen, denn jeder könnte der nächste sein. Wer die Sendung kennt, weiß, dass es viele Stunden dauern kann, bis nach Aktivierung des „Hot Buttons“ – einem rotem Buzzer, der unten links im Bild eingeblendet wird und akustisch durch Weckerticken unterstützt wird – ein Anrufer durchgeschaltet wird.

Woran das liegt erklärte ein ehemaliger Redakteur gegenüber dem ARD-Magazin plusminus: „Der Redakteur selber entscheidet, wann der ‚Hot Button’ zuschlägt.“ Wenn der Redakteur der Meinung sei, auf Grund der gegebenen Umstände passe es, dann entscheide er, dass ein Anrufer durchgestellt wird. Anfängerredakteure werden immer von einem erfahrenen Redakteur kontrolliert, der aufpasst, dass nicht zu früh Anrufer durchgelassen werden.

Während auf ihr Glück hoffende Zuschauer sich also vergeblich die Finger wund wählen, warten die Redakteure auf die so genannten „Peaks“, sprich hohe Anruferzahlen, um ihre Kassen zu füllen.

Das Münchner Unternehmen streitet die Vorwürfe ab: „9Live stellt über unterschiedliche – auch technische – Systeme sicher, dass für Anrufer in unseren Gewinnspielen jederzeit die Chance besteht, ausgewählt und ins Studio gestellt zu werden.“

Mehrere TV-Mitschnitte beweisen allerdings das Gegenteil. In einem Mitschnitt vom 28. April 2007 sagt Moderator Max Schradin: „So, bin ich unten? So, jetzt pass auf: Wenn du jetzt zuschlagen lässt, nä, dann musst du...“ Dann wird das offene Mikrofon anscheinend bemerkt und heruntergeregelt.

Die Tonpanne wird im Gegensatz zum Vorfall am 13. Mai 2007 relativ schnell bemerkt. Dort gibt die Moderatorin und Ex-Big Brother-Star Alida Lauenstein einem Kollegen bei vermeintlich abgeschaltetem Mikrofon folgenden Tipp: „Leute, um das noch ein bisschen mitzunehmen, lasst das doch Max übernehmen. Bei solchen ‚Peaks’ schlagt doch später zu.“

Ein Einsehen zeigt der Sender jedoch nicht. In einem weiteren Video vom 18. Mai 2007 beleidigt Moderator Robin Bade die Kritiker des Senders in einem mehrminütigen Monolog: „Die Leute, die das hier schlecht reden wollen, sind dumm. So isses. Vollidioten. […] Auf den ‚Hot-Button’ hat niemand Einfluss. Wer das behauptet, der lügt und hat keine Ahnung, glauben Sie mir.“

Für den Präsidenten der Bayerischen Landesmedienanstalt (BLM) Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring besitzt der Alida-Vorfall jedoch keine rechtliche Relevanz, da eine gesetzliche Grundlage fehlt, die bei Verstößen greifen könne. Er fordert auf Grundlage des Falles eine staatsvertragliche Ermächtigung, die Richtlinienbefugnisse für die Landesmedienanstalten vorsehe, sowie die Aufnahme von Verstößen in die Bußgeldtatbestände.

Ein Ende der Abzocke ist also nicht in Sicht. Was halten Sie von den Vorwürfen gegen 9Live? Diskutieren Sie mit uns in unserem Life-Go-Forum!



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