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Für Brasiliens Präsident Luiz Inácio da Silva war der Besuch beim diesjährigen G8-Gipfel in Heiligendamm weit mehr als nur ein Gastauftritt. Am Tag der Visite der Staats- und Regierungschefs der fünf Schwellenländer (Brasilien, China, Indien, Südafrika und Mexiko) ging es ihm darum, Werbung für einen einheimischen Rohstoff zu machen, der schon bald die Welt erobern könnte.
Biokraftstoffe gewinnen international an Bedeutung
Gemeint ist das in Brasilien schon unheimlich populäre Zuckerrohr, das hauptsächlich zur Produktion von Bioethanol, einem alternativen Kraftstoff, genutzt werden kann. Über 80 % der in Brasilien gefertigten Autos laufen bereits heute vollständig oder in Teilen mit dem Biokraftstoff. Im Angesicht der andauernden Klimadebatte könnte sich damit für das südamerikanische Land, das bereits heute größter Zuckerrohranbauer und zweitgrößter Ethanolproduzent der Welt ist, ein globaler Markt eröffnen.
Auch in Deutschland muss dem normalen Benzin nach dem Gesetz bereits jetzt mindestens 25 % Ethanol beigemischt werden. Weltweit kommt hinzu, dass der rasante Anstieg der Ölpreise die Wettbewerbsfähigkeit von Ethanol als alternativen Kraftstoff bedeutend steigert. Die zunehmende politische Problematik, die mit der Erdölgewinnung verbunden ist, unterstützt ebenfalls den Wunsch vieler Staaten nach mehr Unabhängigkeit von dem Rohstoff. Allerdings ist Zuckerrohr nur eine von vielen Möglichkeiten zur Gewinnung von alternativen Kraftstoffen.
Tatsächlich hat der Biotreibstoff unbestrittene Vorteile: Im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen ist er erneuerbar und wesentlich schadstoffärmer. Allerdings vermuten Experten, dass Biokraftstoffe zurzeit bei optimaler Nutzung maximal 20 bis 30 Prozent des Kraftstoffbedarfs in der EU abdecken könnten. Schweden gilt europaweit als Vorreiter in der Nutzung von Biokraftsoffen.
Chancen und Gefahren von Bioethanol durch Zuckerrohr
Während viele Politiker Bioethanol deshalb, ebenso wie der brasilianische Präsident, eine entscheidende Rolle im zukünftigen Klimaschutz zuschreiben, argumentieren einige Wissenschaftler mittlerweile vermehrt in die andere Richtung. Ein Vorwurf: Der Zuckerrohranbau trägt in hohem Maße zur wachsenden sozialen Ungerechtigkeit in Brasilien bei.
In der Tat ist die enorme wirtschaftliche Effizienz des Rohstoffs wohl dafür verantwortlich, dass eine immer kleinere Zahl Industrieller die Plantagen unter sich aufteilen, auf denen immer mehr Arbeiter unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen bis zu 14 Stunden arbeiten müssen. Kleinbauern werden oftmals mit Gewalt durch Zuckerbarone von ihren Feldern vertrieben. Bezahlt wird auf den Plantagen grundsätzlich nur nach Menge des geernteten Zuckerrohrs. „Die meisten schaffen 20 Tonnen am Tag. Aber viele wissen nicht mal, wie viel sie gefällt haben und was sie kriegen müssten“, erklärt Carlita da Costa, die Chefin der zuständigen kleinen, für eine Plantage zuständige Arbeitergewerkschaft „FERAESP“ (Federación de los Empleados Rurales y Asalariados del Estado de São Paulo). Zu den ohnehin schwierigen Lebensbedingungen in den ländlichen Gegenden Brasiliens kommen also zunehmend problematische Arbeitsbedingungen.
Ein weiteres Problem aus ökologischer Sicht könnte zukünftig der Platzmangel für den Anbau von Zuckerrohr werden. Die „Internationale Energie-Agentur“ (IEA) sagt voraus, dass sich der Bedarf an Ethanol in 10 bis 15 Jahren verdreifachen wird. Doch wo soll Brasilien das verlangte Zuckerrohr anbauen? Die globale Konkurrenz wird angesichts der steigenden Nachfrage weiter wachsen und das Land möchte seinen Status als größter Zuckerrohr-Exporteur nicht verlieren. Umweltorganisationen befürchten, dass die Gentechnik bald in der Lage sein wird, Pflanzen zu züchten, die auch auf gerodetem Regenwaldboden wachsen. Ähnlich wie beim Anbau von Soja könnte somit der Zuckerrohrbedarf zu einem weiteren Grund für die Abholzung des brasilianischen Regenwalds werden.
Grüner Treibstoff der Zukunft?
US-Präsident George W. Bush konnte von Luiz Inácio da Silva in Heiligendamm wohl noch einmal überzeugt werden. Die USA schlossen bereits im März 2007 mit Brasilien ein Abkommen zur gemeinsamen Entwicklung von Biotreibstoffen. Motivation dafür dürften die Aussicht auf wachsende Unabhängigkeit von den arabischen Öl-Multis und ein scheinbarer Beitrag zum Klimaschutz quasi „im Vorbeigehen“ gewesen zu sein. Die brasilianische Regierung arbeitet derzeit an einem Gütezertifikat für einheimisches Zuckerrohr, das die sozial und ökologisch verträgliche Produktion gewährleisten soll. Das Zertifikat ist auch ein Versuch, den Zuckerrohr-Export in Zukunft nicht durch politische Problematiken wie soziale Ungerechtigkeit zu behindern. Denn durch die vermehrte Nachfrage nach brasilianischem Zuckerrohr entsteht auch eine neue Form von öffentlichem Interesse daran, unter welchen Bedingungen auf den Plantagen gearbeitet wird.
Ob Bioethanol aber deswegen tatsächlich zur vertretbaren Alternative wird, bleibt abzuwarten. Schadstoffarmut bei Autos in Europa kann bei gleichzeitiger Brandrodung des Regenwaldes in Südamerika jedenfalls wenig zum Klimaschutz beitragen.
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