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Kurzgeschichte: Vertrau dich mir an


01.09.2005 (L. Distlbacher) Kategorie: Specials

Bild: www.free-hp.com

Amy Wheeler ließ ihren Blick gedankenverloren durch die große Cafeteria des Internats schweifen. Es war ihr schlichtweg unbegreiflich, wie Harry und Ron sich stundenlang über einen dämlichen Sport wie Fußball unterhalten konnten. Was war so Besonderes daran, einem weiß-schwarzen Ball hinterher zu hecheln und Tore zu schießen? Sie sah einfach keinen Sinn dahinter und als schlauste Schülerin brauchte sie hinter jeder Kleinigkeit einen Sinn.

Ihre Augen fixierten streitende Kinder der Unterstufe oder lachende Zehntklässler. Sie schmunzelte, als eine Erstklässlerin schmachtende Blicke zu Mario Sick sandte. Wie süß, dachte sie und sah weiter. Da erweckte ein gewisser blonder Junge ihre Aufmerksamkeit. Ihr war schon öfter aufgefallen, dass Jason Shooter sich arg verändert hatte. Sah das denn sonst niemand? Oder wollte es niemand sehen?

Doch sie, sie war weder blind noch taub. Seinem Hohn fehlte das böse Grinsen, seinen Beleidigungen der Biss. Seinem Gang fehlte der Stolz und seinen Augen der Glanz. Was wohl geschehen war? Welcher Einfluss hatte ihn sich so drastisch verändern lassen? Doch nicht etwa der Tod seines Vaters? Sein Vater... Unbekannte Täter hatten ihn grundlos erschossen. Sollte es eine Warnung vom Kopf der Gruppe gewesen sein, in der auch Jasons Vater Mitglied war? Stellt euch mir nicht in den Weg. Ich mache auch keinen Halt vor meinen eigenen Gefolgsleuten.

Sie begegnete seinem Blick. Seine Augen sind leer, so unendlich leer. Er schaute sie an und doch irgendwie durch sie hindurch. So, als realisiere er gar nicht, was um ihn herum geschah; als wäre er mental weit fort von dieser Erde. Doch sie irrte sich. Er wusste nur zu genau, was um ihn herum passierte, denn als ein Milchkrug umkippte, sprang er so schnell auf, um nicht überflutet zu werden, wie Amys Reflexe es nie geschafft hätten.

Da er nun schon einmal stand, dachte er sich wohl, es sei günstig, gleich die große Halle zu verlassen. Was er auch tat, er tat es geräuschlos und unbemerkt - jedenfalls fast.

„Jasilein, hast du einen Vampir gesehen oder warum bist du so blass wie eine Wasserleiche?“, kreischte Melinda Parker. Jason machte sich nicht einmal die Mühe sich nach ihr umzudrehen, sondern ging einfach weiter. Früher hätte er sich umgedreht. Er hätte sie fertig gemacht und erbost gefragt, was denn in sie gefahren sei, ihn anzusprechen und dann auch noch mit einem solch widerlichen Spitznamen. Ja, früher...

Amy ließ ihn nicht aus den Augen, bis er die Halle verlassen hatte. Es kam ihr so vor, als wandle ein haltloser Körper durch die Gänge, doch wo blieb seine Seele, sein Geist? Waren sie gestorben und mit ihm sein gesamter Lebensmut? Und wieder fragte sie sich, ob ihn der Tod seines Vaters wirklich so bedrückte oder ob etwas anderes dahinter steckte. Und wieso, bei Merlin, bemerkte das niemand? Warum war sie die Einzige? Immerhin waren sie nicht einmal fähig miteinander zu reden, doch ihr war aufgefallen, dass er anders war.

Amy stand auf und wollte schnurstracks die Halle verlassen und Shooter hinterher, doch sie hatte die Wette ohne Melinda und Katharina gemacht. Diese standen ebenfalls auf und schleppten sie hinter sich her zum Kunstunterricht. Dann würde sie eben bis zur Mathestunde warten müssen.

Doch sie musste gar nicht erst so lange aushalten, denn in der Pause begegnete sie ihm und zu ihrem Glück alleine. Doch alleine traf sie ihn sowieso so gut wie immer, denn das war er in der letzten Zeit oft. Einsam und alleine. „Hey, Shooter“, rief sie. Er drehte sich langsam um und als er Amy erblickte, weiten sich seine Augen kaum merklich, bevor seine Maske wieder perfekt saß.

„Was willst du, Wheeler?“, fragte er schleppend. Doch selbst jetzt fehlte der für ihn so typische, herablassende Ton. Sie hätte nie gedacht, dass sie jemals den alten Shooter zurück haben wollte, der andere schikanierte.

Ja, sie, eine weniger wohlhabende Person, hatte es doch tatsächlich gewagt, ihn anzusprechen. Wollte er ihr das nun übel nehmen? Doch er sagte kein Wort, wartete nur geduldig und mit verschränkten Armen darauf, dass sie sagte, was sie unbedingt sagen musste. Amy setzte ihrem inneren Konflikt ein Ende und begann schnell: „Weißt du, mir ist nicht entgangen, dass du dich verändert hast. Wenn du jemanden zum Reden brauchst, dann weißt du ja, wo du mich findest.“

Seine Maske wackelte und verrutschte, sodass sie einen Blick auf sein wahres Ich werfen konnte. Dann glitten ihre Augen schnell zu Boden. Sie wusste nicht wieso, doch seinem prüfenden Blick konnte sie nicht standhalten. Als sie wieder aufsah, war er verschwunden. Ohne ein Wort des Spotts, der Verachtung oder gar der Dankbarkeit. Er war einfach nur gegangen.

Was hatte sie erwartet? Dass er zu ihr kam, sein Herz ausschüttete und vor ihr in Tränen ausbrach? Sie schüttelte den Kopf über ihre eigene Naivität. Nicht nur, dass sie ihm vorgeschlagen hatte, er könne jederzeit zu ihr kommen, nein, sie hatte sich damit auch noch bis auf die Knochen blamiert. Wie töricht sie doch war... Das war es doch, was sie sich eigentlich hätte denken müssen. Er war ein arroganter Widerling, wenn auch ein gebrochener. Sein Stolz ließ es nicht zu, zu ihr zu kommen und mit ihr über sich zu reden. Selbst wenn er es wollte.

***

Es dauerte ein paar Wochen, bis er zusammenbrach. Einfach so. Mitten im Unterricht von Mrs. Smith. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung. Blass im Gesicht und zitternd am Körper. Seine Augen klappten zu und er kippte vom Stuhl auf die Seite. Amy reagiert schnell, denn diese zwei Halbaffen, die sich seine Freunde nannten, dachten doch tatsächlich, er mache Spaß! Und diese dumme Tanja erst! Sie hatte einen Schrei ausgestoßen und war hinausgelaufen, um die Lehrerin zu holen, welche die Klasse kurz alleine gelassen hatte, um mit dem Schulleiter ein paar dringende Sachen zu besprechen.

Amy jedoch schaffte es irgendwie, ihn in den Krankenflügel zu bringen. Hoffentlich ist es nicht zu spät, schoss es ihr immer wieder durch den Kopf. Nachdem die Schulkrankenschwester den bewusstlosen Jungen gründlich untersucht hatte - Amy hatte seine Hand intuitiv gehalten - seufzte sie schwer und offenbarte ihre Diagnose dem Schulleiter, der so schnell wie möglich gekommen war. „Ein Nervenzusammenbruch. Der arme Junge ist mit seiner Kraft am Ende.“ Damit sagte sie nichts, was Amy nicht schon längst wusste.

***

Amy verweilte Minuten, Stunden, Tage und Nächte an seiner Seite, hielt seine Hand, als wäre das ihr fester Platz. Als wäre das selbstverständlich. Sie hatte sich nicht von der Krankenschwester vertreiben lassen, hatte darauf beharrt, bleiben zu dürfen, bis diese aufgab. Melinda und Katharina konnten nicht verstehen, wieso sie freiwillig bei ihm saß. Sie wollten es auch gar nicht verstehen. Und so kam es, dass sie vorerst nicht mit ihr reden wollten. Doch es machte ihr nicht viel aus. Sie war solche Phasen von ihren beiden „besten“ Freundinnen schon lange gewohnt.

Plötzlich drückte er ihre Hand und blinzelte mit den Augen. Zwei Tage hatte er sich nicht gerührt. Achtundvierzig Stunden hatte Amy bangen müssen. Zweitausendachthundertachtzig Minuten wusste sie nicht, ob sich sein Zustand besserte. Einhundertzweiundsiebzigtausendachthundert Sekunden musste sie mit sich selbst kämpfen, nicht aufzustehen und zu gehen. Doch sie war geblieben. Fehler oder nicht, das würde sich jetzt zeigen.

Gespannt hielt sie den Atem an, da öffnet er endlich die Augen und blickte sich mit verklärten Augen verwirrt um. Dann sah er Amy und... lächelte. Ja, wirklich, er lächelte und das gar nicht einmal gemein. „Danke“, murmelte er.

Danke? Wofür? Aber sie sagte nichts, ließ nur dieses einfache, gehauchte Wort auf sich wirken und munterte ihn mit freundlichen Mimiken auf. Jetzt war die Zeit gekommen, in der sie verstand, was Jason Shooter all die Jahre gebraucht hatte: Einen Menschen, der für ihn da war und ihn auch in seine Schranken wies. Jemanden, der Verständnis für alles, was er tat, aufbrachte und ihn so liebte, wie er nun einmal war. Jemanden, bei dem er sich nicht hinter einer Maske zu verstecken brauchte, denn sie durchschaute ihn. Einen Menschen, der immer zu ihm stand und der mit ihm lachen und weinen konnte. Jemanden, der ihn aufbaute und tröstete, wenn er am Boden lag. Der auf ihn setzte, aber nicht enttäuscht war, wenn er verlor. Der ehrlich sagte, dass etwas falsch war und der ihm zuhörte und seine Sorgen mit ihm teilte.

Ein Freund war alles, was er brauchte. Und er hatte ihn gefunden. Er musste nur noch seine Augen und damit sein Herz öffnen. Amy würde ihm alle Zeit geben, die er brauchte.

Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.



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