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Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ überprüft stetig, wie frei Medien in verschiedenen Staaten arbeiten können. Ihre Ergebnisse fasst sie dann in einer Rangliste zusammen. Russland wird hier in der Ausgabe von 2006 auf Platz 147 von 168 erfassten Staaten geführt. Damit ist es hinter Ägypten und Simbabwe platziert, die nicht eben für ihre liberalen Pressegesetze bekannt sind.
Fernsehsender werden geschlossen, Zeitungen vom kremlnahen Konzern Gazprom aufgekauft und somit monopolartige Strukturen in den Medien geschaffen. Kritische Journalisten werden eingeschüchtert, verhaftet oder ermordet. Noch im Gedächtnis ist der Fall Anna Politkowskaja, die 2006 in Moskau erschossen wurde. Sie hatte mit ihren kritischen Texten über den Tschetschenien-Konflikt mehrfach Aufsehen erregt. Die Hintergründe des Mordes sind bis heute nicht aufgeklärt.
Wer aus erster Hand erfahren will, wie sich die Arbeitsbedingungen für Journalisten in Russland gewandelt haben, dem sei das Buch „Die Mutanten des Kreml“ von Jelena Tregubowa ans Herz gelegt. 2006 erschien das Buch in Deutschland, im Februar 2007 die von Sandra Borgmann gelesene Hörbuchfassung.
Zur Autorin
Jelena Tregubowa wurde 1973 in der Sowjetunion geboren. Sie arbeitete zu Beginn der 90er Jahre für die Zeitung „Kommersant“ und wurde während der Präsidentschaft Boris Jelzins Kreml-Korrespondentin. In der Ära Wladimir Putins verlor sie die Erlaubnis, aus dem Kreml zu berichten. Sie hatte sich geweigert, Artikel vor ihrer Veröffentlichung von staatlichen Stellen gegenlesen zu lassen.
Einem großen Publikum wurde sie durch die Veröffentlichung ihres Buches „Baiki kremljowskowo diggera“ (Die Geschichten eines Kreml-Buddlers) im Jahre 2003 bekannt. Dort kritisierte sie offen die Politik Wladimir Putins, besonders die Einschränkung der Pressefreiheit. Kurz nach der Veröffentlichung entging sie knapp einem Bombenanschlag, dessen Hintergründe nie aufgeklärt wurden.
Trotzdem veröffentlichte sie 2004 die Fortsetzung ihres Bestsellers, der sich ebenso glänzend verkaufte. Mittlerweile lebt Jelena Tregubowa in London, da sie in Moskau um ihr Leben fürchtet. Sie schreibt für verschiedene internationale Zeitungen und ist zu einer bedeutenden Stimme der Putin-Opposition geworden.
Zum Inhalt
Zunächst berichtet Jelena Tregubowa vom Beginn ihrer journalistischen Laufbahn. Sie ist gekennzeichnet durch eine Aufbruchstimmung zur Zeit Boris Jelzins, in der viele Journalisten das erste Mal frei arbeiten durften. Boris Jelzin habe dabei die Entstehung unabhängiger Medien stets gefördert. Doch nicht nur die Presse habe sich hervorragend entwickelt. Die gesamte Jelzin-Ära beschreibt sie als Erfolgsgeschichte, in der sich die Marktwirtschaft in Russland etabliert habe.
Noch als Wladimir Putin in leitender Position beim Geheimdienst FSB arbeitete, lernte Tregubowa ihn kennen. Sie berichtet von einem gemeinsamen Essen der beiden. Putin beschreibt sie als unscheinbaren Mann, dem allerdings zu jeder Zeit an seinem abschätzenden, prüfenden Blick und seiner unbeweglichen Mimik seine Geheimdienstzugehörigkeit anzumerken ist.
Als er Präsident wird, ändern sich die Arbeitsbedingungen der Medien. Nach kritischen Veröffentlichungen haben Journalisten plötzlich Schwierigkeiten, Akkreditierungen zu erhalten. Große, privat kontrollierte Medienkonzerne werden zerschlagen, Fernsehsender geschlossen und ihre Besitzer aus dem Land gejagt. Auch Jelena Tregubowa wird Opfer der Maßnahmen und berichtet von den Schikanen, denen sie ausgesetzt war.
Nach der Veröffentlichung ihres ersten Buches 2003 detoniert eine Bombe vor ihrer Wohnung. Die Ermittlungen verlaufen Jelena Tregubowas Beschreibungen zufolge unprofessionell bis manipulativ. Den Anschlag auf ihr Leben sieht sie in einer Linie mit der Verhaftung des Jukos-Besitzers Michail Chodorkowski und dem Mordanschlag auf ihre Kollegin Anna Politkowskaja.
Als Urheber all der Verbrechen benennt sie die höchsten Regierungskreise und sieht auch Wladimir Putin selbst in der Verantwortung. Sie wirft dem Präsidenten somit die Ausübung von Staatsterrorismus vor und sieht Russland abgleiten in einen Polizei- und Geheimdienststaat, vergleichbar mit der Sowjetunion unter Stalin in den 30er Jahren.
Bewertung
„Die Mutanten des Kreml“ ist ein spannender Bericht einer Betroffenen über den Wandel der Pressefreiheit in Russland. Aus diesem Blickwinkel gelesen, gibt es spannende Einblicke in das Leben einer Journalistin, die den Mächtigen nah ist. Dass sich die Arbeitsbedingungen in Russland für den Berufsstand massiv verschlechtert haben, ist nicht neu. Daher bereichert Jelena Tregubowa die Debatte zwar um einen genauen Insiderbericht, doch darin steckt letztlich nicht die Brisanz des Buches.
Es geht vielmehr um die Frage, in welche Richtung sich Russland unter Wladimir Putin entwickelt. Entsteht dort gerade ein autoritäres Regime, das vor Staatsterrorismus nicht zurückschreckt und Gegner kaltstellen und ermorden lässt? Ist Putin gar der neue Stalin? Wiederholt stellt Jelena Tregubowa Vergleiche zwischen dem heutigen Russland und dem der 30er Jahre an und entdeckt dabei Parallelen. Sie zieht daraus den Schluss, dass ein dem Stalinismus ähnliches System im Entstehen ist.
So zeichnen ihre Beschreibungen von den Ermittlungen rund um den Bombenanschlag auf ihr Leben das düstere Bild eines Polizeistaates, in dem unsichtbare Strippenzieher Morde befehlen. Eine unabhängige Polizei oder Justiz existiert nicht. Das Problem ist, dass ihre Angaben an keiner Stelle nachprüfbar sind. So stellt sie das Gerücht in den Raum, Wladimir Putin selbst sei über ihr Buch verärgert gewesen. Die Verärgerung stellt sie in Kontext zu dem Attentat auf ihr Leben. Belege für die Anschuldigung gibt sie nicht. Schlüssige Argumentation sieht anders aus.
Bewusst verwendet sie Vokabular, das eindeutig dem Stalinismus zugeordnet ist, indem sie beispielsweise mehrfach von „Säuberungen“ in den Medien spricht. Es mag dem Eindruck Jelena Tregubowas entsprechen, dass Russland sich auf dem Weg in einen neuen Stalinismus befindet. Mit der Realität hat das jedoch nichts zu tun. Russland ist sicher keine Demokratie und Wladimir Putin kein lupenreiner Demokrat, wie Gerhard Schröder ihn bis heute nennt. Doch vom Staatsterror der 30er Jahre, dem Millionen zum Opfer gefallen sind, ist Wladimir Putins Russland weit entfernt. In ihrer Schlussfolgerung schießt sie also deutlich über das Ziel hinaus.
So hat das Buch starke wie schwache Seiten. Ihre Ausführungen über den Wandel der Pressefreiheit in Russland, die sie aus der Sicht einer Insiderin schildert, sind sehr interessant. Hier ist ihre strikte Subjektivität ein Gewinn, da Statistiken wie die Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“ so ein Gesicht bekommen. Problematisch sind hingegen die Passagen, in denen Jelena Tregubowa durch ihre Betroffenheit das Augenmaß verliert. Auch wenn Russland nicht demokratisch ist, auch wenn Journalisten nicht frei arbeiten können, der Vergleich mit dem Stalinismus ist nicht haltbar. So ist das Buch eine empfehlenswerte Lektüre für den Leser, der sich für die Einschränkungen der Arbeit russischer Medien interessiert. Der Leser, der sich über das heutige Russland allgemein informieren will, sollte auf andere Literatur zurückgreifen.
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