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Lennart Nilssons Fotografien von Embryonen begeisterten die Welt und auch heute noch werden sie mit Staunen betrachtet. Sie haben unsere Ehrfurcht vor dem entstehenden Leben größer werden lassen, da uns durch sie klar wurde, welche filigranen und vollkommenen Wesen unsere ungeborenen Kinder sind.
Lennart Nilsson wurde am 22. August 1922 im schwedischen Strängnäs, 70 Kilometer westlich von Stockholm geboren. Er folgte dem Vorbild seines Vaters und wählte den Beruf des Fotografen. Zunächst arbeitete er als Fotojournalist, widmete sich aber ab den Fünfziger Jahren verstärkt der Wissenschaftsfotografie. Er experimentierte mit extremen Nahaufnahmen, wobei ihm ein Endoskop völlig neue Bereiche des menschlichen Körpers zugänglich machte, da es in kleinste Hohlräume eingeführt werden und aus diesen Bildmaterial liefern kann. Schließlich gelang ihm 1965 mit den ersten Bildern eines lebenden Embryos im Mutterleib eine Sensation.
Bildband „Ein Kind entsteht“: Eindrucksvolle Aufnahmen werdenden Lebens
Ebenfalls 1965 erscheint sein Buch „Ein Kind entsteht“, in dem unter anderem jene Aufnahmen der Embryonen abgebildet sind. Es wurde auf der ganzen Welt bekannt, ist bis heute in 22 Sprachen übersetzt worden und erfreut sich immer noch größter Beliebtheit.
Lennart Nilssons Bilder schenken uns einen einzigartigen Einblick in das größte Wunder, das der Mensch zu bieten hat: Die Entstehung eines Kindes und seine Entwicklung innerhalb des Mutterleibes bis hin zur Geburt. Seine Aufnahmen thematisieren, was die Menschheit am Leben erhält, das Ureigenste und Natürlichste. Dennoch haftet seinen Aufnahmen etwas Unwirkliches, Unvorstellbares an. Die winzigen Menschen gleichen Zauberwesen, die uns in eine fremde Dimension eintauchen lassen, welche doch ganz selbstverständlich Teil von uns ist. Sie scheinen schwerelos und schweben in der Fruchtblase vor allem Äußeren geschützt durch ein eigenes Universum.
Umstrittene Aufnahmen
Eben jene faszinierenden Bilder waren jedoch zum Teil umstritten, nachdem bekannt wurde, dass ein Teil der Embryonen, die Lennart Nilsson fotografiert hatte, aus sogenannten Eileiterschwangerschaften stammten. Bei einer Eileiterschwangerschaft nistet sich die befruchtete Eizelle nicht in der Gebärmutter, sondern in der Schleimhaut des Eileiters ein. Der Embryo entwickelt sich in den ersten Wochen der Schwangerschaft normal, jedoch ist der Eileiter nicht in der Lage, das Kind ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Aus diesem Grunde kann es zu einer Fehlgeburt kommen. Sollte dies nicht der Fall sein, muss die Schwangerschaft operativ beendet werden. Bei einem solchen Eingriff handelt es sich nicht um eine Abtreibung, sondern um eine notwendige Operation, da eine Eileiterschwangerschaft für die Mutter besonders im fortgeschrittenen Stadium ernsthaft gefährlich werden kann.
Lennart Nilsson war bei solchen Eingriffen zugegen und fotografierte die toten Embryonen sofort nach ihrer Entnahme aus dem Mutterleib. Dass ein Teil von Nilssons Aufnahmen somit keine lebendigen Kinder zeigt, ist Vielen bis heute unbekannt. Einige der Bilder wurden neben Fotografien von lebendigen Embryonen im Mutterleib in den Bildband „Ein Kind entsteht“ integriert. So zum Beispiel auch die weltberühmte Aufnahme von einem am Daumen lutschenden Embryo, nur lebte dieser zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht mehr. Das erscheint in einer Fotodokumentation über das werdende Leben widersprüchlich. Zudem stellt sich die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, ein totes Kind zu fotografieren und die Bilder in Großformat aller Welt öffentlich zugänglich zu machen.
Lennart Nilsson ist bis heute einer Stellungnahme zu diesem Thema aus dem Wege gegangen. Vor allem ist ihm aber wichtig, dass seine Bilder keine Argumente für oder gegen das Thema Abtreibung sind. Für ihn steht im Vordergrund, dass seine Arbeit der Wissenschaft helfen kann, Vorgänge im menschlichen Körper sichtbar und begreifbar zu machen.
Bildband „Leben“: Einblicke in das Innere des menschlichen Körpers
Für seine Tätigkeit steht Lennart Nilsson am Karolinska Institut in Stockholm das weltweit leistungsfähigste Rasterelektronen-Mikroskop für seine Aufnahmen zur Verfügung. In hunderttausendfacher Vergrößerung gibt es Objekte in perfekter Schärfe wieder. Mit Hilfe technischer Möglichkeiten konnte nun Lennart Nilsson abermals ein Meisterwerk der Fotografie vorlegen. Sein jüngstes Werk imponiert durch außergewöhnliche Nahaufnahmen aus dem menschlichen Körper. In seinem neuen Bildband „Leben“ thematisiert er nicht nur die Entstehung des Lebens, sondern auch die Feinde unserer Existenz – Vergänglichkeit, Zerfall und Krankheit.
Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Empfängnis und Geburt eines Kindes. Im zweiten Teil stellt Lennart Nilsson, angefangen bei Organen, Nerven und Haaren, schließlich auch Bakterien, Viren und Krankheiten dar. Seine Aufnahmen zur Fotodokumentation „Leben“ bieten einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Stadien des menschlichen Lebens, wobei die destruktiven Elemente, tödliche Krankheiten wie Krebs, die Lungenkrankheit SARS, und HIV nicht gemieden werden und durch seine Fotokunst in einer ganz eigenen Ästhetik erscheinen.
Projekt für die Zukunft
Lennart Nilsson, mittlerweile 85-jährig und für seine Arbeit mehrfach mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet, hat für die Zukunft schon ein neues Projekt: Er will das Vogelgrippevirus bei seiner zerstörerischen Arbeit beobachten und für alle Welt sichtbar machen.
Lennart Nilssons Werk hat sowohl in wissenschaftlicher als auch in künstlerischer Hinsicht viel zu bieten. Er ist Perfektionist und bringt unendliche Geduld auf, um auf den idealen Moment für eine Aufnahme zu warten. Ohne dies hätten viele Bilder wohl nie entstehen können.
Lennart Nilsson: Ein Kind entsteht. Preis: 24,90 Euro. ISBN: 978-3442390502.
Lennart Nilsson: Leben. Bilder aus dem Inneren des menschlichen Körpers. Preis: 39,95 Euro. ISBN: 978-3896603401.
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