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Am 30. August raste Hurrikan „Katrina“, der mit der höchst möglichen Kategorie 5 eingestuft worden war, über den Golf von Mexiko und die amerikanische Südküste. Zuvor war - einmalig in der Geschichte der USA - die Evakuierung der Millionenstadt New Orleans angeordnet worden, frei nach dem Motto „rette sich, wer kann“. Zwei Tage lang zogen Autokonvois ins Inland - die Highwayspur in die Stadt hinein war gesperrt worden.
Die Katastrophe übertraf alle Befürchtungen. 58 Bohrinseln vor der Küste sind beschädigt, 95 % der Förderung brach zusammen, das ist ein Drittel der gesamten Erdölförderung in den USA. Ein Großteil des Hafengebiets ist zerstört, Schiffe an Land gespült worden, Brücken, Straßen und Schienenwege unbefahrbar. Auf die Versicherungen kommen Forderungen in Höhe von 25 Milliarden Dollar zu.
Nicht der Hurrikan allein aber ist für die schrecklichen Bilder verantwortlich, die seit einer Woche um die Welt gehen. New Orleans, das zu 70 % unterhalb des Meeresspiegels liegt, lief nach dem Brechen der beiden Dämme am Lake Pontchartrain voll wie eine Schüssel. Bis zu 8 Meter hoch soll das Wasser stehen, 80 % des Stadtgebiets hat sich in einen teils von Öl und Chemikalien verseuchten See verwandelt, aus dem nur noch die Dächer der Häuser - meist aus Holz gebaut und so besonders anfälliger für Sturm und Wassermassen - herausragen.
Obwohl die Südstaatenmetropole als Geburtsstadt des Jazz jährlich Touristen aus aller Welt anzieht, gehört sie doch zu den ärmsten Regionen in den USA. Die Bevölkerung besteht zu zwei Dritteln aus Afro-Amerikanern, ein Drittel der Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Auch wenn vier Fünftel von ihnen hatten fliehen können, fehlten dazu doch zehntausenden Menschen Geld und Mittel oder schlicht das eigene Auto. Der „Superdome“, ein Footballstadium, diente 25.000 von ihnen als Zuflucht.
Hilfe kam jedoch viel zu spät. Es fehlt am Hubschraubern und LKW, um die Überlebenden in das Umland zu bringen. Alle Auffanglager in Texas und Arkansas sind bereits überfüllt, eine ordnungsgemäße Registrierung der Flüchtlinge, die an Angehörige weitergegeben werden könnte, gibt es so gut wie nicht. Betroffen sind auch Eltern von deutschen Schülern, die ein Jahr im Ausland verbringen.
Erst am 6. September werden erste Erfolge bei der Stopfung der Lecks in den Deichen gemeldet. Noch eine Woche nach dem Hurrikan sind hunderte Menschen in ihren Häusern eingeschlossen. Plünderer und marodierende Banden ziehen durch die Straßen und nehmen mit, was an Wertgegenständen in den überschwemmten Häusern zu finden ist. Viele von ihnen - in diesen Teilen der USA Alltag - tragen Waffen bei sich. Die Evakuierung des „Superdome“ musste wegen Schusswechseln zwischen den Eingeschlossenen und den Helfern zeitweise eingestellt werden.
Polizei und Armee sind machtlos, der Anarchie Einhalt zu gebieten, denn ihre Zahl ist zu klein, um viel ausrichten zu können. Seit dem 2. September sind neben Polizei und Feuerwehr 18.000 Soldaten der „National Garde“ in New Orleans im Einsatz. Am 3. September gab die Gouverneurin von Louisiana Schießbefehl auf Kriminelle. Die Situation der Überlebenden ist sehr kritisch: Die Lebensmittel in den Supermärkten sind bereits aufgebraucht oder in der Hitze - in der Regel Tagestemperaturen über 30 °C - ungenießbar geworden. Es fehlt am Nötigsten: Nahrungsmittel, Trinkwasser und Medikamente.
Präsident George W. Bush geriet in heftige Kritik. Einen fünfwöchigen Urlaub in Texas abbrechend hat er sich nun an die Spitze der Hilfskommission gesetzt. Nach dem 11. September 2001 ist es die zweite große Katastrophe während seiner Amtszeit. Obwohl Behörden schon seit Jahrzehnten warnten, dass die Deiche in ihrem schlechten Zustand unter einem Hurrikan brechen könnten, waren kurz vor der Katastrophe Verhandlungen zur erneuten Kürzung der Gelder für den Hochwasserschutz um 20 % gelaufen. Im Staatshaushalt fehlen im Moment 331 Milliarden Dollar - Kriegsausgaben. Wo sind die Soldaten der „National Garde“, die ihre Heimat schützen sollen? Im Irak. Immerhin forderte Bush seine amerikanischen Mitbürger auf: „Betet für New Orleans!“
Obwohl das Deutsche Rote Kreuz und das Technische Hilfswerk sehr schnell bereit waren, kam die Bitte um Hilfe erst Tage später. Dass es keinen Notfallplan für eine solche Situation gab, wurde schnell klar. Viel zu früh wurde Entwarnung von dem Hurrikan gegeben und die Menschen kehrten in ihre Häuser zurück, erst danach brachen die Dämme. Doch warum in New Orleans erst Anarchie und Chaos ausbrechen und die Polizeikräfte erste Selbstmorde zu beklagen haben müssen, bevor die Regierung eingreift, ist für die Betroffenen unverständlich. Leise mischt sich auch die Frage ein, ob die Hilfe nicht schneller angerollt wäre, hätte es sich bei der Mehrheit der Opfer um „Weiße“ gehandelt.
Von Regierungen aus aller Welt gingen Beileidsbekundungen ein. NATO und EU sicherten ihre Unterstützung zu. Erste Hilfslieferungen der Bundeswehr sind bereits in den Katastrophengebieten angekommen, das Technische Hilfswerk stellt Pumpen zur Verfügung. Hilfsorganisationen rufen zu Spenden auf. Viele Stars aus der Musik- und Filmbranche gingen bereits mit gutem Beispiel voran: Celine Dion spendete 1 Million Dollar an das amerikanische Rote Kreuz.
Die Frage nach dem Klimaschutz kam prompt. Grund für die Entstehung eines Wirbelsturms dieses Ausmaßes sei unter anderem die Erwärmung des Meerwassers, über das er sich bewegt, so Klimaexperten. Der enorm hohe Energieverbrauch - bei einem US-Bürger fast doppelt so hoch wie bei einem Europäer - sei maßgeblich Schuld an der globalen Erwärmung, so Bundesumweltminister Jürgen Trittin. Er forderte deshalb die amerikanische Regierung auf ihre Klimapolitik zu überdenken und unter Anderem das Kyoto-Protokoll zur Verringerung der Treibhausgase zu unterzeichnen, etwas, das Präsident Bush zum Schutz der inländischen Unternehmen stets abgelehnt hat.
Wie hoch die Zahl der Opfer ist - man geht mittlerweile von über 10.000 Toten aus - oder wann überhaupt mit dem Aufbau der zerstörten Gebiete begonnen werden kann, ja bis wann voraussichtlich das Wasser abgepumpt sein wird, steht noch völlig offen. Die Stadt wird von Grund auf neu erbaut werden müssen.
Überraschend gering schockiert zeigten sich die meisten Deutschen von den Bildern, die erschreckend an die Bilder des Tsunami im Dezember 2004 erinnern, diesmal jedoch nicht verzweifelte Menschen auf Hausdächern im überschwemmten Indonesien, sondern einen Küstenstreifen im Industrieland Nr. 1 der Erde zeigen. Schon längst ist der „American Dream“ in Deutschland durch Diskriminierung von „Schwarzen“ oder „Latinos“, High-School-Shootings oder Kriege gegen den mittleren Osten zu einer Farce verkommen.
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